{"id":1456,"date":"2023-02-24T08:27:00","date_gmt":"2023-02-24T08:27:00","guid":{"rendered":"https:\/\/gug.uharek.com\/?p=1456"},"modified":"2026-03-01T09:18:49","modified_gmt":"2026-03-01T09:18:49","slug":"antikrist-an-der-deutschen-oper","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gug.uharek.com\/?p=1456","title":{"rendered":"ANTIKRIST an der Deutschen Oper"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Langgaards Hintergrund<\/h2>\n\n\n\n<p>Zuerst etwas \u00fcber den Hintergrund des Komponisten, genauer gesagt seinen geistigen Hintergrund. Es ist ein sehr wichtiges Thema, nicht zuletzt in Bezug auf die Oper ANTIKRIST. Rued Langgaard wurde 1893 in Kopenhagen geboren in eine Familie, in der k\u00fcnstlerische und religi\u00f6se Fragen einen wichtigen Stellenwert hatten. &nbsp;Die zentrale Figur war der Vater und Pianist Siegfried Langgaard. Er unterrichtete \u00fcber drei\u00dfig Jahre lang am Konservatorium von Kopenhagen. Doch er war auch Musikphilosoph. Er entwickelte unter der \u00dcberschrift \u201eDie Mission der Musik\u201c eine ganz eigene Philosophie. Vater Langgaard interessierte sich sehr f\u00fcr die Theosophie, vor allem f\u00fcr die Gedanken von Jakob B\u00f6hme. Ich wei\u00df nicht, wie bekannt B\u00f6hme heute noch in Deutschland ist, er war ein deutscher lutherscher Mystiker aus der Zeit um 1600. Die Theosophie ist eine undogmatische Form des Christentums, in der unter anderem eigene, pers\u00f6nliche Erlebnisse eine entscheidende Rolle spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Mission der Musik\u201c ist einer Art Kunstreligion. In K\u00fcrze l\u00e4uft es darauf hinaus, dass die Musik ein g\u00f6ttliches Erkenntnismittel ist. Durch die Musik erahnt man eine h\u00f6here, geistige Welt. Die Musik ist Tr\u00e4ger von Botschaften und kann geistige Botschaften vermitteln. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Etwas anders ausgedr\u00fcckt kann man sagen, dass Langgaard Vater und Sohn der Auffassung waren, dass das musikalische Erlebnis, der Eindruck, den die Musik auf den Zuh\u00f6rer zu machen vermag, in Wirklichkeit ein religi\u00f6ses Erlebnis ist. Das G\u00f6ttliche \u00f6ffnet sich durch das Musikerleben. Den Zusammenhang kann man nicht erkl\u00e4ren, doch die Wirkung der Musik kennen wir alle. Keine andere Kunstart kann wie die Musik in unserer Seele eine religi\u00f6se Saite r\u00fchren. Dieser Auffassung war in der Romantik durchaus \u00fcblich. Aber die Ideen kamen wieder im Symbolismus, der um 1900 in D\u00e4nemark eine prominente literarische Richtung war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musik erf\u00fcllt also ihre Mission als Instrument des Menschen in seinem fortgesetzten Streben nach Vollendung oder Gottwerdung. Und je weiter wir in der Musikgeschichte vordringen, umso besser haben es die Komponisten vermocht, diese spirituelle Welt einzukreisen. Von Bach \u00fcber Mozart, Beethoven, Schumann, Liszt und bis zu Bruckner und Wagner hat sich die Musik zu immer h\u00f6heren geistigen Ausdrucksformen hin entwickelt. Siegfried Langgaard stellt sich vor, dass diese Entwicklung auch in Zukunft weitergehen wird und muss. Irgendwann wird dann eine bisher unerh\u00f6rte Musik entstehen. Dies ist vielleicht der Grund, warum Rued Langgaard als grunds\u00e4tzlich konservativer und retrospektiver Romantiker dennoch in einigen seiner Werke weit in die Zukunft weist, bis hin zur Avantgarde der 1960er Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man sich auf den Gedanken von der \u201eMission der Musik\u201c einl\u00e4sst, dann ist es nat\u00fcrlich eine ernste Angelegenheit, wenn man Komponist ist. Das lastet schwer auf den Schultern des Komponisten. So empfand das auch Rued Langgaard, auch wenn er sich nicht alle Einzelheiten des v\u00e4terlichen Gedankenkomplexes einverleibte. Siegfried starb 1914, noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, und die Wirklichkeit, in der sein Sohn agieren musste, reichte weit \u00fcber alles hinaus, was sich der Vater hatte vorstellen k\u00f6nnen. Es wurde sehr viel schwerer, ein Komponist zu sein, der sinnvolle Musik im Dienste einer h\u00f6heren Sache schreiben wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Bezeichnend ist, dass es f\u00fcr Langgaard eine Berufung war, Musik zu schreiben. Er hatte zur Kompositionsarbeit einen intuitiven und antiakademischen Zugang. Er brach gern Konventionen und ging furchtlos seine eigenen Wege. Er betrachtete sich und seine Musik als Teil einer gr\u00f6\u00dferen, universalen Ganzheit. Und er war von der nahezu grenzenlosen Kraft der Musik \u00fcberzeugt. Sehr vereinfacht ausgedr\u00fcckt: Die Musik kann das Leben eines Menschen, die Gesellschaft, ja, die ganze Welt ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Wirklich tragisch an Langgaards Leben war die Tatsache, dass nur wenige seiner d\u00e4nischen Zeitgenossen ihn ernst nahmen. Er hatte ungeheure Schwierigkeiten, seine Musik zur Auff\u00fchrung zu bringen. Die Kritiken waren immer schlecht und herablassend. Nur die H\u00e4lfte seiner Werke wurde noch zu seinen Lebzeiten aufgef\u00fchrt, und die meisten davon nur einmal oder wenige Male. Wenn man wie Langgaard der Auffassung ist, dass man eine Funktion wahrzunehmen und eine wichtige Rolle zu spielen hat, dann endet man nat\u00fcrlich in einer absurden und hoffnungslosen Situation, wenn sich niemand f\u00fcr seine Musik interessiert. Langgaard f\u00fchlte sich vom Zeitgeist und der d\u00e4nischen Musikszene verraten, die seiner Meinung nach ganz von Carl Nielsens n\u00fcchterner und moderner Haltung dominiert wurde. Sein brennender Wunsch war eine Stelle als Kirchenorganist, doch niemand wollte ihn anstellen. 1940 bekam Langgaard mit 47 Jahren endlich seine erste und einzige feste Stelle, n\u00e4mlich als Domorganist im nordschleswigschen Ribe, wohin er mit seiner Frau Constance umzog.&nbsp;Mitte der 40er Jahre zeitigte die Au\u00dfenseiterposition, in der Langgaard als Komponist gelandet war, unerwartete k\u00fcnstlerische Folgen. Bizarre, absurde und widerspr\u00fcchliche Z\u00fcge verleihen seiner Musik neue Dimensionen, Improvisation und Exzentrizit\u00e4t verst\u00e4rken sich. &nbsp;Langgaard starb 1952 im Alter von 59 Jahren. Er hinterlie\u00df mehr als 400 Kompositionen, aber nur wenige Werke wurden ver\u00f6ffentlicht, und die Oper, seine einzige, wurde 2008 erstmals publiziert.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Oper ANTIKRIST<\/h2>\n\n\n\n<p>Jetzt kommen wir zur Oper ANTIKRIST und zu den 1920er Jahren. D\u00e4nemark war 1920 in der Situation, w\u00e4hrend des Weltkriegs neutral gewesen zu sein. Man hatte am Krieg gut verdient, doch sechstausend D\u00e4nen waren auch an der Front gefallen. In Nordschleswig lebten 26.000 Menschen mit D\u00e4nisch als Muttersprache, die sich auf deutscher Seite zum Kriegsdienst melden mussten. Man sp\u00fcrte den Krieg, es herrschte Warenknappheit, und vom S\u00fcden her kamen 100.000 Fl\u00fcchtlinge nach D\u00e4nemark. Auch das Kunstleben war davon nicht unbeeinflusst. Man betrachtete Carl Nielsens 4. Sinfonie \u201eDas Unausl\u00f6schliche\u201c als Ausdruck eines Glaubens an die Lebenskraft der Menschheit, trotz der Schrecken des Krieges.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Zeit zwischen 1920 und 1923 reiste Langgaard viel und war unz\u00e4hlige Male in Deutschland. Zwei seiner wichtigsten Werke wurden dort uraufgef\u00fchrt, n\u00e4mlich die 6. Sinfonie und die \u201eSph\u00e4renmusik\u201c. Das geschah in Karlsruhe, doch es gab auch Konzerte in Essen, Darmstadt, Berlin und andernorts. Und in Wien. Viele deutsche Musiker kamen w\u00e4hrend dieser Zeit nach D\u00e4nemark. Das Land war f\u00fcr sie das reine Paradies, nicht zuletzt w\u00e4hrend der deutschen Hyperinflation im Jahr 1923, und Langgaard unterst\u00fctzte sie, auch finanziell.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen hektischen Jahren zwischen 1921 und 1923 schrieb Langgaard die Oper ANTIKRIST. Es war eine k\u00fcnstlerische Kraftanstrengung, eine Art Konklusion all dessen, was er in den vorhergehenden Jahren angestrebt hatte. Er verwendet in der Oper auch Teile aus fr\u00fcheren Werken, u.a. aus der Sechste Symphonie und der \u201eSph\u00e4renmusik\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff des Antichrist taucht in Langgaards Musik zum ersten Mal in der \u201eSph\u00e4renmusik\u201c von 1918 auf. Der Schluss des Werkes tr\u00e4gt die \u00dcberschrift \u201eAntichrist \u2013 Christ\u201c (also die Gegen\u00fcberstellung der beiden Figuren oder Prinzipien). Das Destruktive im Gegensatz zum Konstruktiven trifft man als dualistisches Konzept in Langgaards Musik h\u00e4ufig an. Doch in der Oper ANTIKRIST ist das Ganze gar nicht schwarz\/wei\u00df, sondern man hat es ganz im Gegenteil mit einer ungeheuer komplexen Musik zu tun. Der Antichrist ist eine biblische Figur, er ist der Feind der Christenheit, eine d\u00e4monische Verf\u00fchrergestalt, die Christus leugnet und sich die Welt durch Betrug unterwirft. Sein Kommen ist das sichere Zeichen f\u00fcr den nahenden Weltuntergang.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn der 1920er Jahre war alles im Aufbruch, in der Kunst, im gesellschaftlichen und im politischen Leben, auch in D\u00e4nemark, wenngleich nicht so extrem wie in Deutschland. Man sprach unter anderem von einer \u201eLebensanschauungsdebatte\u201c, und ANTIKRIST war gewisserma\u00dfen ein k\u00fcnstlerischer Beitrag in einer aktuellen Debatte \u00fcber Existenz und Glauben.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gelang Langgaard jedoch nicht, seine Oper zur Auff\u00fchrung zu bringen. Das ist eine undurchsichtige und heikle Geschichte. Man betrachtete die Oper zweifellos als sektiererisch, oder man begriff nicht, was der Komponist damit wollte. Langgaard wurde richtig schlecht behandelt, er wurde hingehalten und bekam erst nach einer Zeitungspolemik die endg\u00fcltige Antwort. Das war 1925. Die Oper wurde allein wegen des Textes abgelehnt. Er eigne sich nicht als Operntext, hie\u00df es. Der Komponist hatte das Libretto selbst geschrieben. Hier muss ich betonen, dass wir in der Fassung, die hier in Berlin auf die B\u00fchne kommt, nicht die urspr\u00fcngliche Fassung von ANTIKRIST vor uns haben. Es handelt sich dabei um die \u00fcberarbeitete Fassung von 1930.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist interessant, dass Langgaard gleich nach Beendigung der Oper 1923 Gedanken zu einer neuen, k\u00fcnftigen, internationalen Gesellschaft \u00e4u\u00dferte, in der die Kunst (nat\u00fcrlich vor allem die Musik und die Komponisten) einen zentralen Stellenwert haben sollte. Es handelte sich um eine religi\u00f6se Gesellschaft, eine Weltgemeinschaft auf theosophischer und teilweise katholischer Basis (Langgaard geh\u00f6rte sonst zur protestantischen d\u00e4nischen Kirche). Das Ganze war von Langgaards Seite selbstverst\u00e4ndlich ein Gedankenexperiment. Doch der Traum von einer harmonischen Weltgesellschaft, in der die ernste Musik den ihr in Wirklichkeit zukommenden Stellenwert einnehmen k\u00f6nnte, ist ja eine ganz nachdenklich stimmende Utopie. Und nat\u00fcrlich naiv. Sp\u00e4ter bezeichnete er diese Gedanken als \u201aWahnsinn\u2018.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Oper wird \u00fcberarbeitet<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Ablehnung von ANTIKRIST hat Langgaard vom Kurs abgebracht. Nach einer unglaublich kreativen und innovativen Periode von acht Jahren, in denen er seine wichtigsten Werke schuf, geriet er jetzt in eine fundamentale k\u00fcnstlerische Krise. Er begann Musik im regul\u00e4ren klassisch-romantischen Stil zu schreiben, eine Art Neoromantik, durch und durch anonym \u2013 und genau das war gewollt. Er verschloss sich Einfl\u00fcssen von au\u00dfen, wandte sich ganz nach innen. Es war eine Reaktion auf das Expressionistische, Existenzielle, Gegens\u00e4tzliche und eine Hinwendung zum Einfachen, Harmonischen und einem angestrebten \u201aobjektiven\u2018 Stil. In gewisser Weise eine zeittypische Reaktion. Andere Komponisten suchten zur gleichen Zeit durch den Neoklassizismus (Strawinsky) oder die Neue Sachlichkeit (Hindemith) wieder festen Boden zu gewinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und gegen Ende der 1920er Jahre \u00fcberarbeitete Langgaard seine Oper ANTIKRIST. Er \u00e4nderte das Konzept drastisch, schnitt Teile der Partitur heraus und setzte sie an anderen Stellen ein, nahm gro\u00dfe Teile weg und komponierte einzelne neue Abschnitte. Der Text wurde umgeschrieben. Die durchg\u00e4ngige Hauptperson wurde eliminiert, die Figur des \u201eAntichrist\u201c wirkte jetzt unsichtbar durch allegorische Gestalten. Nun hatte man es nicht mehr mit einem psychologischen Personendrama zu tun, sondern mit einer zum Teil sarkastischen Kritik an der westlichen Zivilisation. &nbsp;Und ich muss pointieren, dass diese \u00fcberarbeitete Version, die zwischen 1926 und 1930 entstanden ist, in ihrer Aussage weit universeller und f\u00fcr uns heute interessanter ist. Die Moral, die der Chor am Ende singt, ist religi\u00f6ser Natur, aber wir k\u00f6nnen sie kurz so erkl\u00e4ren, dass der Einzelne, wenn wir eine bessere Welt haben wollen, erkennen muss, dass sie oder er Teil von etwas Gr\u00f6\u00dferem ist und dass Ver\u00e4nderungen nicht von der Gesellschaft und der Kirche kommen, sondern vom Individuum selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch diese neue Fassung wurde vom K\u00f6niglichen Theater in Kopenhagen abgelehnt. Und wieder wegen des Textes. Und das, obwohl Langgaard behauptete, dass ja trotz allem die Musik das Wichtigste sei, und immer wieder betonte, die Oper sei ein zeitgem\u00e4\u00dfes und aktuelles Musikdrama. Sie handelt ja eben von \u201eunserer Zeit\u201c. Er unterstrich diese Aktualit\u00e4t, indem er ein Kompendium mit Zitaten vor allem deutschsprachiger Autoren der 1920er Jahre ausarbeitete. Er bezog sich unter anderen auf Oswald Spengler (\u201eDer Untergang des Abendlandes\u201c), Walther Rathenau, Albert Schweitzer und den \u00d6sterreicher Richard Coudenhove-Kalergi, einen F\u00fcrsprecher des geeinten Europas, der sogenannten paneurop\u00e4ischen Bewegung. Also typischerweise mit Bez\u00fcgen zur mitteleurop\u00e4ischen Kultur der 1920er Jahre. Somit passt die Oper vollkommen in den expressionistischen Kontext der 20er Jahre, in dem sie hier an der Deutschen Oper aufgef\u00fchrt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Langgaard sollte es jedoch noch erleben, dass 1945 in einer Studioauff\u00fchrung des D\u00e4nischen Rundfunks die letzten Szenen der Oper gespielt wurden. Der D\u00e4nische Rundfunk war es auch, der das gesamte Werk 1980 in einer Studioproduktion urauff\u00fchrte. Die erste B\u00fchnenauff\u00fchrung fand 1999 in Innsbruck statt. Die n\u00e4chste Auff\u00fchrung war 2002 in Kopenhagen, dann war es das Staatstheater Mainz, das die Oper 2018 produzierte. Die Auff\u00fchrung hier in Berlin ist die vierte eigentliche B\u00fchnenproduktion.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Oper als \u201aSpiel\u2018 zwischen Haltungen und Rollen<\/h2>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dfen m\u00f6chte ich mit einer Pointe, die sich auf die Musik bezieht: Wie Sie merken werden, ist die Musik der Oper sehr komplex und einem st\u00e4ndigen Wechsel unterworfen. Sucht man nach einem musikalischen Anhaltspunkt in der Gegen\u00fcberstellung von Gott und Antichrist, also nach Hinweisen darauf, was das eine oder das andere Prinzip verk\u00f6rpert, was auf der positiven oder der negativen Seite steht, so ist das schwierig. Gerade dies aber ist die Intention: es soll nicht klar sein,&nbsp;das Ganze soll sich vermischt. In der antichristlichen Welt wird man durch Wohlklang und alle m\u00f6glichen Aussagen verf\u00fchrt, doch alles flie\u00dft oder rutscht, und man wei\u00df nicht, was eventuell ein fester Halt sein kann. Die verf\u00fchrerische Musik des ersten Bildes schildert beispielsweise die \u201eunsichere, lyrische Dekadenzstimmung\u201c, sagt Langgaard. Es herrscht die ganze Zeit \u00fcber eine Distanz.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner Skizze zur Oper schreibt Langgaard auf der letzten Seite eine \u00e4u\u00dferst interessante Notiz: \u201eAntichrist: (eine) Darstellung des der Musik eigenen Wesens, jenseits von Gut und B\u00f6se.\u201c Der Ausdruck \u201ejenseits von Gut und B\u00f6se\u201c stammt aus Nietzsches gleichnamigem Buch von 1886. Langgaard muss meinen, dass die Musik der Oper \u201awertneutral\u2018 sei, dass es sich um ein Spiel zwischen gleichwertigen Elementen handele, ohne festgelegte \u201aBedeutung\u2018 in Bezug auf die Gegen\u00fcberstellung von Christ (also gut) und Antichrist (b\u00f6se).<\/p>\n\n\n\n<p>In den 1970er Jahren bezeichneten wir das als \u201aHaltungsrelativismus\u2018. Gemeint ist damit, dass man in der Kunst Haltungen pr\u00e4sentiert, ohne ihnen einen bestimmten Wert beizumessen. Sie werden als \u201aBeispiele\u2018 oder Ph\u00e4nomene gezeigt. Der K\u00fcnstler h\u00e4lt also Abstand zu den Dingen, die er pr\u00e4sentiert. Die Bedeutung entsteht danach in der Interaktion, in der Zusammenstellung der Elemente. Also im Eigenverst\u00e4ndnis des Zuh\u00f6rers oder Betrachters.<\/p>\n\n\n\n<p>In ANTIKRIST l\u00e4uft im Orchestergraben ein Spiel zwischen wechselnden Aussagen und Haltungen und auf der B\u00fchne ein Spiel mit Personen, die als Begriffe auftreten. Auf diese Weise nimmt das Ganze eine Dimension an, die man als Meta-Kunst bezeichnet. Also: ANTIKRIST ist auch eine Oper \u00fcber Musik! \u00dcber die Grenzen, die Sinnhaftigkeit und die Ausdrucksm\u00f6glichkeiten der Musik \u2013 und so l\u00e4sst sich im \u00dcbrigen Langgaards gesamtes Lebenswerk auffassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Langgaards Hintergrund Zuerst etwas \u00fcber den Hintergrund des Komponisten, genauer gesagt seinen geistigen Hintergrund. Es ist ein sehr wichtiges Thema, nicht zuletzt in Bezug auf die Oper ANTIKRIST. Rued Langgaard wurde 1893 in Kopenhagen geboren in eine Familie, in der k\u00fcnstlerische und religi\u00f6se Fragen einen wichtigen Stellenwert hatten. &nbsp;Die zentrale Figur war der Vater und Pianist Siegfried Langgaard. Er unterrichtete \u00fcber drei\u00dfig Jahre lang am Konservatorium von Kopenhagen. Doch er war auch Musikphilosoph. Er entwickelte unter der \u00dcberschrift \u201eDie Mission der Musik\u201c eine ganz eigene Philosophie. Vater Langgaard interessierte sich sehr f\u00fcr die Theosophie, vor allem f\u00fcr die Gedanken von Jakob B\u00f6hme. Ich wei\u00df nicht, wie bekannt B\u00f6hme heute noch in Deutschland ist, er war ein deutscher lutherscher Mystiker aus der Zeit um 1600. Die Theosophie ist eine undogmatische Form des Christentums, in der unter anderem eigene, pers\u00f6nliche Erlebnisse eine entscheidende Rolle spielen. \u201eDie Mission der Musik\u201c ist einer Art Kunstreligion. In K\u00fcrze l\u00e4uft es darauf hinaus, dass die Musik ein g\u00f6ttliches Erkenntnismittel ist. Durch die Musik erahnt man eine h\u00f6here, geistige Welt. Die Musik ist Tr\u00e4ger von Botschaften und kann geistige Botschaften vermitteln. &nbsp; Etwas anders ausgedr\u00fcckt kann man sagen, dass Langgaard Vater und Sohn der Auffassung waren, dass das musikalische Erlebnis, der Eindruck, den die Musik auf den Zuh\u00f6rer zu machen vermag, in Wirklichkeit ein religi\u00f6ses Erlebnis ist. 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