{"id":1465,"date":"2023-01-13T09:24:00","date_gmt":"2023-01-13T09:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/gug.uharek.com\/?p=1465"},"modified":"2026-03-01T09:27:38","modified_gmt":"2026-03-01T09:27:38","slug":"oceane-an-der-deutschen-oper","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gug.uharek.com\/?p=1465","title":{"rendered":"OCEANE an der Deutschen Oper"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Tag ging, ein anderer kam, Oceane war fort.\u201c So lapidar l\u00e4sst Theodor Fontane seine geheimnisvolle Titelfigur aus dem Leben verschwinden. In seinem Romanfragment&nbsp;<em>Oceane von Parceval<\/em>&nbsp;(1882) hat der Dichter abermals eine r\u00e4tselhafte, moderne Melusinengestalt ins Zentrum gestellt. Bis hin zum Alterswerk&nbsp;<em>Der Stechlin<\/em>&nbsp;wird Fontanes Werk von solchen jungen Frauen durchzogen, die durch ihre Extravaganz und Naturhaftigkeit gleicherma\u00dfen faszinieren wie provozieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Detlev Glanert, ein passionierter Leser und Literaturkenner, ist diesem Fontane-Text vor vielen Jahren begegnet. Seitdem hat sich der Stoff in ihm zur Oper angereichert. Mit Hans-Ulrich Treichel, der bereits das Libretto zu CALIGULA schuf, konzipierte Glanert ein Szenario, das die Leer- und Bruchstellen in Fontanes Entwurf in Klang verwandelt. Die Gesellschaftskonventionen seiner Zeit hat der Romancier des b\u00fcrgerlichen Realismus in geschliffenen Dialogen gezeichnet. Konversation ersetzt bei Fontane, dessen 200. Geburtstag 2019 in Brandenburg und Berlin gro\u00df gefeiert wird, die explizite Handlung. So galt es,&nbsp;<em>Oceane von Parceval<\/em>&nbsp;zu dramatisieren, Charaktere und Situationen zuzuspitzen: In einem Badeort zur Kaiserzeit trifft die junge Oceane von Parceval mit ihrer Gesellschafterin Kristina ein. Sie irritiert die Hotelg\u00e4ste durch ihr ungezwungenes Benehmen. Der junge Gutsbesitzer Martin von Dircksen sieht in der enigmatischen Sch\u00f6nen seine zuk\u00fcnftige Gattin. Aber vor allem Pastor Baltzer f\u00fchrt das Wort gegen diese Frau, die sich so selbstbewusst au\u00dferhalb der Konvention stellt. Dennoch sucht sie verzweifelt ihren Platz in dieser Gesellschaft. Martins Liebe scheint eine M\u00f6glichkeit aufzuzeigen, aber Oceanes Bindung an das Elementare ist st\u00e4rker. Sie geht zur\u00fcck ins Meer, aus dem sie kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Oceane eine Projektionsfigur m\u00e4nnlicher Weiblichkeitsfantasien<\/p>\n\n\n\n<p>Als Melusine, Rusalka oder Undine fand das nymphenhafte Naturwesen in der Kunst zahlreiche Darstellungen. Wie ihre Schwestern scheint Oceane eine Projektionsfigur m\u00e4nnlicher Weiblichkeitsfantasien, doch sie gewinnt ihre tragische Dimension aus der Erkenntnis, dass sie ihren Wunsch nach Liebe und N\u00e4he zu den Menschen niemals wird realisieren k\u00f6nnen. Auch Martin, der sie mit seinen W\u00fcnschen \u00fcberfordert, gelingt es nicht, diese gl\u00e4serne Wand zu durchbrechen. Darin sieht Detlev Glanert eine sehr moderne psychologische Anlage der Figur, die trotz ihrer brennenden Sehnsucht nicht mit der Au\u00dfenwelt kommunizieren kann. Martin, dem Vertreter der neuen, auf Kapital und Effizienz gerichteten Ordnung, bleibt der Zugang zu dieser individualistischen Innenwelt Oceanes verwehrt. Eine besondere Rolle schreibt Glanert dem Chor zu: Er vertritt nicht nur die scharf umrissene Gesellschaft, sondern \u00fcbernimmt auch die Stimme des Meeres, die Oceane mit ihrem Element verbindet. Den Figuren hat Glanert klare Klangprofile verliehen, die mit Zuweisungen aus der Operntradition spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das von Intendant Dietmar Schwarz angeregte Auftragswerk hat die Deutsche Oper Berlin renommierte K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler verpflichtet. GMD Donald Runnicles, der 2012 bereits Glanerts \u201eBrahms-Fantasie\u201c zur Urauff\u00fchrung brachte, steht am Pult. Die Inszenierung besorgt Robert Carsen, die Hauptpartien singen Maria Bengtsson und Nikolai Schukoff. Nicht umsonst gilt Detlev Glanert als ein Komponist, der wei\u00df, wie man f\u00fcr Stimmen schreibt. Mit den Solistinnen und Solisten von OCEANE traf er sich lange vorab zu Proben und Gespr\u00e4chen. Zur Oper als kollektiver Kunstform hat sich Glanert vielfach bekannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tag ging, ein anderer kam, Oceane war fort.\u201c So lapidar l\u00e4sst Theodor Fontane seine geheimnisvolle Titelfigur aus dem Leben verschwinden. 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