{"id":402,"date":"2015-01-24T13:50:32","date_gmt":"2015-01-24T13:50:32","guid":{"rendered":"http:\/\/zde.uharek.com\/gug\/?p=402"},"modified":"2015-02-22T13:54:01","modified_gmt":"2015-02-22T13:54:01","slug":"carmen-in-der-neukoellner-oper","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gug.uharek.com\/?p=402","title":{"rendered":"CARMEN in der Neuk\u00f6llner Oper"},"content":{"rendered":"<p>\u201eCarmen, du bist mein Leben!\u201c Jos\u00e9 begehrt Carmen, verl\u00e4sst seine Welt, wird f\u00fcr sie (?) illegal. Carmen ist sch\u00f6n, eine Fremde, ohne g\u00fcltige Papiere. Jos\u00e9 folgt Carmen und \u2013 t\u00f6tet sie.<\/p>\n<p>FEUER DER GEF\u00dcHLE<br \/>\nT\u00f6tet, was er zum Leben braucht\u2026. Die bekannteste Oper der Welt erz\u00e4hlt von der gr\u00f6\u00dften, sch\u00f6nsten und gef\u00e4hrlichsten Kraft im Menschen. Aus Liebe und Begehren wird Besitzen, und was sich nicht besitzen l\u00e4sst\u2026 Doch vielleicht t\u00f6tet der Polizist Jos\u00e9 nicht nur die eigen-willige Frau, sondern mit ihr auch das Fremde schlechthin, das sich nicht unterordnen l\u00e4sst? Wie offen Carmen vom Leben unter der Krise erz\u00e4hlt! Ein Polizist t\u00f6tet eine Illegale, am Grenzzaun unserer Gesellschaft, dort wo sich entscheidet, wer drinnen ist und wer drau\u00dfen bleiben muss. Zu den \u201eZigeunern\u201c und \u201eSchmugglern\u201c im Original w\u00fcrde man heute sagen: Roma und Sinti, meist aus dem \u00bbSchattenreich Europas\u00ab, Rum\u00e4nien und Bulgarien. In Berlin leben dar\u00fcber hinaus gesch\u00e4tzte 50.000 Menschen jedweder Herkunft ohne Papiere, illegal. Neuk\u00f6lln ist ein Kulminationsort dieser Schattenb\u00fcrger und ihres Ringens um Aufnahme und Legalit\u00e4t. So ausgegrenzt, steht Carmen f\u00fcr einen bewundernswerten Kampf um Freiheit.<\/p>\n<p>AusGRENZEN<br \/>\nIn Berlin, Rom und andernorts in Europa kochen zurzeit wieder heftige Gef\u00fchle hoch, die sich in Fremdenhass entladen. Auf Basis von Recherchen dazu spielen wir Bizets gro\u00dfartige Oper mit einem wunderbaren, jungen und temperamentvollen Ensemble neu, nah am Original und an unserer Wirklichkeit.<\/p>\n<p>EIN EUROP\u00c4ISCHES PROJEKT<br \/>\nCarmen ist die pan-europ\u00e4ische Oper schlechthin in einer EU der Ausgrenzung und Massenarbeitslosigkeit unter Jugendlichen. Auf unsere Initiative entstehen anderenorts weitere Carmen-Projekte, z. B. in Barcelona mit vier jungen spanischen Komponisten und Autoren. Wir hoffen, diese im Herbst als Gastspiel zeigen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Inszenierung: David Mouchtar-Samorai \u00b7 Arrangement: Bijan Azadian \u00b7 Textbuch, Dramaturgie: Bernhard Glocksin \u00b7 Musik. Ltg: Hans-Peter Kirchberg\/Insa Bernds \u00b7 B\u00fchne: Heinz Hauser \u00b7 Kost\u00fcme: Urte Eicker \u00b7 Video: Vincent Stefan<\/p>\n<p>Mit: Felix Bruder, Farrah El Dibany, Robert Elibay-Hartog, Lars Feistkorn, Mirjam Miesterfeldt, Christian Schleicher, Valentina Stadler, Anna Warnecke, Elpiniki Zervou sowie Danilo Andreas Sepulveda Cofre, David Garcia Garcia, Dennis Ginzburg, Malik Smith<\/p>\n<p>Neuk\u00f6llner Oper Mandelaugen und Schlangenk\u00f6rper<br \/>\n<strong>Tagesspiegel<\/strong> 26.01.2015 11:39 Uhr<br \/>\nvon Udo Badelt<\/p>\n<p>David Mouchtar-Samorai zeigt an der Neuk\u00f6llner Oper \u201eDie Akte Carmen\u201c. Als klassisches Geschlechterdrama wird die meistgespielte Oper der Welt aber nicht inszeniert.<br \/>\nZwischen schwarzlichtschimmernden Gummiseilen: &#8222;Die Akte Carmen&#8220; an der Neuk\u00f6llner Oper.<br \/>\nZwischen schwarzlichtschimmernden Gummiseilen: &#8222;Die Akte Carmen&#8220; an der Neuk\u00f6llner Oper. &#8211; Foto: PROMO<\/p>\n<p>\u201eCarmen\u201c \u2013 ein politisches St\u00fcck? Oder eher eines \u00fcber die ewige Attraktion der K\u00f6rper und das Urbild der kettensprengenden Frau, die Bindungen nicht akzeptiert? \u00dcber das Gift der Eifersucht und die Liebe, die nicht davor sch\u00fctzt, zum M\u00f6rder zu werden? Und auch dies: Eine M\u00e4nnerfantasie? Als klassisches Geschlechterdrama will die Neuk\u00f6llner Oper, die sich gern mit den Realit\u00e4ten vor ihrer Pforte an der Karl-Marx-Stra\u00dfe auseinandersetzt, die meistgespielte Oper der Welt nat\u00fcrlich nicht inszenieren. Lieber verpasst sie dem St\u00fcck, das hier \u201eDie Akte Carmen\u201c hei\u00dft, einen programmatischen \u00dcberbau, in dem dann zu lesen ist: Die Zigeunerin Carmen steht f\u00fcr die Ausgegrenzten, die Roma und Sinti, Bulgaren oder Rum\u00e4nen mit ungekl\u00e4rtem Aufenthaltsstatus, von denen viele in Neuk\u00f6lln leben.<\/p>\n<p>So wappnet man sich f\u00fcr den Fall, dass der Abend noch viel mehr hereinl\u00e4sst: die ganze grausame Gegenwart der Jahre 2014 und 2015, ertrinkende Fl\u00fcchtlinge, dschihadistischen Terror und den reflexhaften Fremdenhass, den er generiert. Pegida, Legida und B\u00e4rgida, all dem wird man bestimmt begegnen.<br \/>\nFarrah El-Dibany als Carmen: Sensationell<\/p>\n<p>Es kommt anders. Der Grenzzaun von Melilla ist zwar da, als abstraktes Gespinst aus schwarzlichtschimmernden Gummiseilen (B\u00fchne: Heinz Hauser), die die Darsteller durchsteigen m\u00fcssen. Ansonsten aber tastet sich die Inszenierung von David Mouchtar-Samorai, der h\u00e4ufig zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, unerwartet eng am Original entlang. Im Zentrum stehen Liebe, sexuelles Begehren und die Verheerungen, die sie anrichten. Die Dichotomie \u201eWir drinnen \u2013 ihr da drau\u00dfen\u201c bleibt marginal, verk\u00f6rpert etwa in der Gestalt des sadistischen Leutnants Zuniga, Don Jos\u00e9s Chef. Eine Nebenfigur, die Lars Feistkorn allerdings mit einem Donnerbass singt, vor dem jeder sofort strammsteht. \u00dcberhaupt punktet der Abend stimmlich, sensationell ist Farrah El-Dibany als Carmen. Volumin\u00f6ser Mezzo, burgunderrot, rauchiges Timbre, orientalisch, mystisch, dalidaesk. Dazu lauernde Mandelaugen und ein schlangengliedriger K\u00f6rper, mit dem sie sich vor Jos\u00e9 auf dem Boden r\u00e4kelt, ihn von hinten umschlingt, ihn in den Wahnsinn treibt \u2013 und fallen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die \u00c4gypterin sollte unbedingt h\u00e4ufiger besetzt werden, wie auch Elpiniki Zervou, keine Unbekannte an der Neuk\u00f6llner Oper. Sie singt Frasquita, eine von Carmens Gef\u00e4hrtinnen. Mit der Pr\u00e4senz und dem Einsatz einer Hauptdarstellerin, wann gibt man ihr endlich eine gro\u00dfe Rolle? Mirjam Miesterfeldt holt ebenfalls mit m\u00e4dchenhaft knospendem Sopran das Maximum aus ihrem Schicksal als Jos\u00e9s treuspie\u00dfiger Freundin Mica\u00ebla heraus.<br \/>\nDavid Mouchtar-Samorai schafft musikalisch stimmigen Abend<\/p>\n<p>Allerdings muss man sich Sorgen machen um Christian Schleicher, der diesen Don Jos\u00e9 singt. Zwar entspricht er als Mark-Wahlberg-Lookalike im SEK-Kampfanzug durchaus dem stattlichen Bild, das man sich von dem Sergeanten macht. Aber welch leidvolle Momente durchlebt der H\u00f6rer, wenn sich Schleicher mit letzter Kraft in eine wacklige, substanzlose H\u00f6he hinaufhievt, und das passiert andauernd. Offenbar ist die Tenorlage schlicht die falsche f\u00fcr ihn.<\/p>\n<p>Stimmlich \u00fcberzeugend hingegen Felix Bruder, der den Torero Escamillo im schmierigem Goldkettchenstyle kernig durchsingt. Bijan Azadian hat Bizets Musik f\u00fcr kleines Orchester \u2013 die Leitung liegt in den verl\u00e4sslichen H\u00e4nden von Hans-Peter Kirchberg \u2013, f\u00fcr Tamburin, Melodika, Cello, Tuba, Bass und weitere Instrumente arrangiert. Und auch wenn er mit dem Saxofon sparsamer umgehen sollte, gewinnt die Partitur nochmals an Leichtigkeit: Nietzsche, der \u201eCarmen\u201c bekanntlich als Remedium gegen Wagner bejubelte, h\u00e4tte das gefallen. Musikalisch also ein gelungener Abend. Das Missverh\u00e4ltnis zwischen dem Metatext zur Fl\u00fcchtlingsproblematik, der die Inszenierung bewirbt, und dem szenisch doch sehr konventionellen Ergebnis verwundert trotzdem. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eCarmen, du bist mein Leben!\u201c Jos\u00e9 begehrt Carmen, verl\u00e4sst seine Welt, wird f\u00fcr sie (?) illegal. Carmen ist sch\u00f6n, eine Fremde, ohne g\u00fcltige Papiere. Jos\u00e9 folgt Carmen und \u2013 t\u00f6tet sie. FEUER DER GEF\u00dcHLE T\u00f6tet, was er zum Leben braucht\u2026. Die bekannteste Oper der Welt erz\u00e4hlt von der gr\u00f6\u00dften, sch\u00f6nsten und gef\u00e4hrlichsten Kraft im Menschen. Aus Liebe und Begehren wird Besitzen, und was sich nicht besitzen l\u00e4sst\u2026 Doch vielleicht t\u00f6tet der Polizist Jos\u00e9 nicht nur die eigen-willige Frau, sondern mit ihr auch das Fremde schlechthin, das sich nicht unterordnen l\u00e4sst? Wie offen Carmen vom Leben unter der Krise erz\u00e4hlt! Ein Polizist t\u00f6tet eine Illegale, am Grenzzaun unserer Gesellschaft, dort wo sich entscheidet, wer drinnen ist und wer drau\u00dfen bleiben muss. Zu den \u201eZigeunern\u201c und \u201eSchmugglern\u201c im Original w\u00fcrde man heute sagen: Roma und Sinti, meist aus dem \u00bbSchattenreich Europas\u00ab, Rum\u00e4nien und Bulgarien. In Berlin leben dar\u00fcber hinaus gesch\u00e4tzte 50.000 Menschen jedweder Herkunft ohne Papiere, illegal. Neuk\u00f6lln ist ein Kulminationsort dieser Schattenb\u00fcrger und ihres Ringens um Aufnahme und Legalit\u00e4t. So ausgegrenzt, steht Carmen f\u00fcr einen bewundernswerten Kampf um Freiheit. AusGRENZEN In Berlin, Rom und andernorts in Europa kochen zurzeit wieder heftige Gef\u00fchle hoch, die sich in Fremdenhass entladen. Auf Basis von Recherchen dazu spielen wir Bizets gro\u00dfartige Oper mit einem wunderbaren, jungen und temperamentvollen Ensemble neu, nah am Original und an unserer Wirklichkeit. EIN EUROP\u00c4ISCHES PROJEKT Carmen ist die pan-europ\u00e4ische Oper schlechthin in einer EU der Ausgrenzung und Massenarbeitslosigkeit unter Jugendlichen. Auf unsere Initiative entstehen anderenorts weitere Carmen-Projekte, z. B. in Barcelona mit vier jungen spanischen Komponisten und Autoren. Wir hoffen, diese im Herbst als Gastspiel zeigen zu k\u00f6nnen. Inszenierung: David Mouchtar-Samorai \u00b7 Arrangement: Bijan Azadian \u00b7 Textbuch, Dramaturgie: Bernhard Glocksin \u00b7 Musik. Ltg: Hans-Peter Kirchberg\/Insa [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":403,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,10],"tags":[],"class_list":["post-402","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur","category-oper"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gug.uharek.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/402","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gug.uharek.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gug.uharek.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gug.uharek.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gug.uharek.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=402"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/gug.uharek.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/402\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":404,"href":"https:\/\/gug.uharek.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/402\/revisions\/404"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gug.uharek.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/403"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gug.uharek.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=402"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gug.uharek.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=402"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gug.uharek.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=402"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}