{"id":422,"date":"2015-04-10T09:46:01","date_gmt":"2015-04-10T09:46:01","guid":{"rendered":"http:\/\/zde.uharek.com\/gug\/?p=422"},"modified":"2015-04-18T09:50:10","modified_gmt":"2015-04-18T09:50:10","slug":"fausts-verdammnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gug.uharek.com\/?p=422","title":{"rendered":"Fausts Verdammnis"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbFausts Verdammnis\u00ab mit Simon Rattle, Joyce DiDonato und Charles Castronovo<\/p>\n<p>In \u00bbFausts Verdammnis\u00ab geht es weniger um die philosophische Dimension des Stoffes als um Leidenschaft, Konflikte und eben die effektvolle Verdammnis des Protagonisten. Klangmagier Hector Berlioz schafft hier eine suggestive, imagin\u00e4re Oper, die in unserem Konzert von Simon Rattle und zwei prominenten amerikanischen S\u00e4ngern interpretiert wird: Joyce DiDonato als Marguerite und Charles Castronovo als Faust. Als Mephisto ist Ludovic T\u00e9zier dabei.<br \/>\nBerliner Philharmoniker<br \/>\nSir Simon Rattle Dirigent<br \/>\nCharles Castronovo Tenor (Faust)<br \/>\nJoyce DiDonato Mezzosopran (Marguerite)<br \/>\nLudovic T\u00e9zier Bass (M\u00e9phistoph\u00e9l\u00e8s)<br \/>\nFlorian Boesch Bass (Brander)<br \/>\nRundfunkchor Berlin<br \/>\nSimon Halsey Einstudierung<br \/>\nHector Berlioz<\/p>\n<p>La Damnation de Faust, dramatische Legende op. 24<\/p>\n<p>Fu\u0308r La Damnation de Faust schuf Hector Berlioz einen eigenen Text, der in shakespearescher Manier Leidenschaft und Groteske der handelnden Akteure in den Mittelpunkt ru\u0308ckt: \u00bbIch hatte mich nicht dazu verpflichtet, Goethes Plan zu folgen [&#8230;].\u00ab So erscheint in dem zwischen Oper und Chorsymphonie changierenden Werk Faust als byronscher Melancholiker, dem einzig die im Titel erw\u00e4hnte Verdammung bleibt. Nicht an ihm sondern an Marguerite entzu\u0308ndete sich Berlioz\u2019 kompositorische Fantasie, ebenso wie an den Genrebildern wie der Studentenszene, die musikalisch gro\u00dfen Raum einnimmt.<\/p>\n<p>Dabei erweist sich die Partitur als wahre Fundgrube charakteristischer Instrumentalfarben, die Berlioz (der kurz zuvor seinen beru\u0308hmten Grand Trait\u00e9 d\u2019instrumentation et d\u2019orchestration modernes fertig gestellt hatte) einmal mehr als brillanten Meister der Instrumentationskunst ausweisen \u2013 etwa, wenn die sonst vernachl\u00e4ssigten Bassregister der Bl\u00e4ser der Sph\u00e4re von M\u00e9phistoph\u00e9l\u00e8s einen schaurig-du\u0308steren Ton verleihen oder die Ballettnummern mit \u00e4u\u00dferst delikaten Holzbl\u00e4sers\u00e4tzen versehen werden. Daran, dass die von Sir Simon Rattle dirigierten Berliner Philharmoniker Berlioz\u2019 Klangfarbenzauber brillant in Szene setzen werden, wird wohl niemand zweifeln. Neben der Mezzosopranistin Joyce DiDonato (Marguerite), die mit \u00bbunvergleichbarer, g\u00f6ttlicher Stimme\u00ab (The Times) und makelloser Technik von sich reden macht und 2012 ihr philharmonisches Debu\u0308t feierte, singen der mit strahlenden H\u00f6hen gesegnete Tenor Charles Castronovo (Faust), der lyrische Bariton Ludovic T\u00e9zier (M\u00e9phistoph\u00e9l\u00e8s) sowie der Rundfunkchor Berlin.<br \/>\nDer Traum und die Wirklichkeit<br \/>\nBerlioz, Faust und das Dasein als Blendwerk<br \/>\nDr. Fausti H\u00f6llenfahrten<\/p>\n<p>Seinem Vater, einem Arzt, verdankte Berlioz erste Kenntnisse in der Musik, im Fl\u00f6ten- und Gitarrenspiel. Durch ihn, den Krebskranken, lernte der Sohn auch die schmerzlindernde Wirkung des Opiums kennen. Auf v\u00e4terlichen Wunsch sollte der junge Hector Mediziner werden. Aber die Erfahrungen beim Praktikum im Pariser Hospice de la Piti\u00e9 zwangen ihn schon am ersten Tag, sich aus \u00bbdiesem f\u00fcrchterlichen Lager von Menschenfleisch, zerst\u00fcckelten Gliedma\u00dfen, grinsenden Gesichtern und klaffenden Sch\u00e4deln\u00ab (M\u00e9moires) mit einem beherzten Sprung durch das Fenster ins Freie zu retten. Er entschied sich f\u00fcr den Musikerberuf; die bigotte Mutter verfluchte ihren Sohn ob dieser \u00bbFamilienschande\u00ab und verbot ihm das elterliche Haus. Vermutlich h\u00e4tte er die H\u00f6llenfahrten der Symphonie fantastique und der Damnation de Faust nie komponiert, wenn sich ihm diese Erinnerungsbilder nicht immer wieder aufgedr\u00e4ngt h\u00e4tten. Der ungenannte \u00bbErz\u00e4hler\u00ab der autobiografisch zu verstehenden Symphonie tr\u00e4umt im Opiumrausch, er h\u00e4tte die ewig unerreichbare Geliebte umgebracht; er endet unter dem Fallbeil. Im Schreckensszenario einer Sabbatnacht kommt das Ewig-Weibliche als Ewiger D\u00e4mon zur\u00fcck, und unter dem grellen Gel\u00e4chter eines Hexenreigens f\u00e4hrt die Seele des Hingerichteten zur H\u00f6lle. Auch der Faust der Damnation endet, jetzt unter der F\u00fchrung Mephistos, im Inferno. Aber die L\u00e9gende dramatique hat ein Nachspiel: Die Seraphim singen dem H\u00f6chsten ein Hosianna, und Marguerite (Gretchen), die M\u00f6rderin-B\u00fc\u00dferin, steigt empor zur Verkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Ob er mit Vornamen Johannes, Georg oder Heinrich hie\u00df, ob er in der N\u00e4he von Pforzheim, Kreuznach, Weimar oder Salzwedel geboren wurde, oder ob er sich neben dem Studium aller h\u00f6heren Wissenschaften auch der Schwarzen Magie und der H\u00f6lle verschrieb \u2013 Goethes Faust genie\u00dft das Prestige, das Opus summumdeutscher Dichtung und Dramatik zu sein. Dabei war Goethe einer von vielen, die sich dem Faust-Thema verschrieben. Gleich nach der Erstauflage des \u00bbDeutschen Faustbuches\u00ab, der Historia von D. Johann Fausten (1587), haben sich Poesie, Musik, Malerei und Philosophie in unz\u00e4hlbaren Ausformungen der ebenso legend\u00e4ren wie zwiesp\u00e4ltigen Gestalt bem\u00e4chtigt, und ein Jeder hat die M\u00f6glichkeit, Faust in tausend Gestalten zu begegnen \u2013 und damit einem St\u00fcck seiner selbst.<br \/>\nShakespeare, Goethe und Berlioz<\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Maler Eug\u00e8ne Delacroix lie\u00df sich Ende der 1820er-Jahre von dem Gegensatzpaar Faust \u2013 Mephisto zu dramatischen Visionen anregen. Seine Lithografien wurden ausgerechnet in Deutschland beif\u00e4llig aufgenommen und veranlassten Goethe zu dem Urteil, diese Szenen seien in seiner eigenen Vorstellung nicht so vollkommen dargestellt gewesen wie bei Delacroix. 1827 legte der gerade 19-j\u00e4hrige G\u00e9rard de Nerval eine franz\u00f6sische Prosa-Nachdichtung des ersten Teils der Trag\u00f6die vor. Als der Dichter in Weimar Nervals Version kennenlernte, soll er laut Eckermann gesagt haben: \u00bbIm Deutschen mag ich den \u203aFaust\u2039 nicht mehr lesen; aber in dieser franz\u00f6sischen \u00dcbersetzung wirkt alles wieder durchaus frisch, neu und geistreich.\u00ab Auch Hector Berlioz, erst 24 Jahre alt, nahm sich die Ausgabe vor. Dazu erregten die Lithografien von Delacroix (die in Frankreich ansonsten wenig Beifall fanden) sein Gem\u00fct. Er verfiel prompt in ein Goethe-Fieber. Im selben Jahr 1827 musste er sich auch einem in Paris grassierenden Shakespeare-Fieber ausliefern. Das hatte andere Gr\u00fcnde: Im Od\u00e9on gastierte gerade die Truppe des englischen Schauspielers Charles Kemble mit Shakespeares Romeo and Juliet und Hamlet.<\/p>\n<p>Shakespeare und Goethe als neue Geistesverwandte von Berlioz, und st\u00e4rker noch als die beiden Dichter zog ihn die Darstellerin der Julia und Ophelia in ihren Bann, der weibliche Star des Ensembles, die irische Schauspielerin Harriett Smithson. Der junge Komponist, obendrein in Liebesextase, zwischen zwei, wenn nicht drei Feuern brennend: ein imagin\u00e4rer Romeo, Hamlet und Faust. Aber die gefeierte Diva schenkte ihrem fiebernden Anbeter vorerst keine Beachtung und setzte gemeinsam mit Kembles Truppe ihre Tournee fort. (Sp\u00e4ter w\u00fcrden Berlioz und die Smithson doch noch heiraten, Liszt war einer der Trauzeugen. Aber damit begann ein anderes, sehr irdisches Inferno.) Vorerst st\u00fcrzte sich der untr\u00f6stliche Liebhaber ins Delirium der Produktivit\u00e4t und komponierte seine Symphonie fantastique. Und wandte sich dem Faust zu. \u00bbDas wunderbare Buch faszinierte mich sogleich, es verlie\u00df mich nicht mehr; ich las es st\u00e4ndig, bei Tisch, im Theater, auf der Stra\u00dfe.\u00ab Nervals Prosa\u00fcbersetzung enthielt auch mehrere gereimte Strophen in geschlossener Form, die boten sich gleich f\u00fcr eine Vertonung an. So entstanden Huit Sc\u00e8nes de Faust, acht Bruchst\u00fccke (tats\u00e4chlich sind es neun), und jedem Textabschnitt von Goethe\/Nerval stellte Berlioz Verse von Shakespeare voran, abwechselnd mal aus Romeound Julia, mal aus Hamlet. Shakespeare, Goethe und Berlioz \u2013 in den Acht Szenen ein Herz und eine Seele.<br \/>\nFrankreich und \u00bbMutter Teutonia\u00ab<\/p>\n<p>Nervals Faust-Version war nicht die erste, die westlich des Rheins erschien. Aber kein Franzose hatte so viel Affinit\u00e4t zur deutschen Sprache und Denkungsart wie G\u00e9rard de Nerval. Ein auf Dr\u00e4ngen seines Vaters unwillig betriebenes Medizinstudium brach auch er ab, als er l\u00e4ngst ein literarisch erfolgreicher, wenn auch verschwenderisch lebender Bohemien war, den man sp\u00e4ter, als Vermittler zwischen Romantik und Symbolismus, in einem Atemzug mit den j\u00fcngeren Dichtern Rimbaud, Verlaine und Baudelaire nennen w\u00fcrde. Madame de Sta\u00ebl hatte 1810 mit ihrem Buch De l\u2019Allemagne (das gleich nach seinem Erscheinen von der napoleonischen Zensur eingestampft wurde, von 1815 an aber wieder zug\u00e4nglich war) den Franzosen das stark idealisierte Bild von einem Deutschland als dem Land der \u2013 seither vielzitierten \u2013 \u00bbDichter und Denker\u00ab vermittelt und damit einen Kult ausgel\u00f6st, dessen bevorzugtes Objekt der Faust wurde. Sieben Mal ist Nerval durch Deutschland gereist. \u00bbDort ist Deutschland! Das Land Goethes, Schillers und Hoffmanns, das alte Deutschland, unser aller Mutter! Teutonia!\u00ab Diesen Ausruf stellte Nerval noch 1852 an den Anfang eines Reiseberichts mit dem Titel Loreley und \u00fcberbot so die Hommage, die Madame de Sta\u00ebl einst der deutschen Kultur erwiesen hatte. Unerm\u00fcdlich dichtete er Texte von Goethe und Schiller Jean Paul und E. T. A. Hoffmann auf Franz\u00f6sisch nach (Po\u00e9sies allemandes). Seinem Freund Heinrich Heine bahnte er in Paris die Wege, und seine Heine-\u00dcbersetzungen (Po\u00e9sies de Heine) rissen den deutschen Dichter selbst zur Begeisterung hin.<\/p>\n<p>Nerval: Ein Alter Ego des Kapellmeisters Kreisler und des Komponisten Berlioz. Sein Lebenslauf h\u00e4tte von E. T. A. Hoffmann erfunden sein k\u00f6nnen, h\u00e4tte den idealen Stoff auch f\u00fcr eine Berlioz-Oper abgegeben. Den Verlust zweier Frauen hat der Dichter nie verschmerzt: Seine Mutter hat er kaum gekannt, er blieb in der Obhut von Verwandten in Paris, als er zwei Jahre alt war. Die Mutter folgte ihrem Mann, einem Milit\u00e4rarzt, auf den Feldz\u00fcgen Napoleons bis nach Schlesien; dort starb sie, der Vater kehrte aus dem Krieg zur\u00fcck. 1834 lernte Nerval die S\u00e4ngerin und Schauspielerin Jenny Colon kennen und verfiel ihr in verzweifelter Leidenschaft. Sie schenkte seinem Werben aber kein Geh\u00f6r und heiratete einen Fl\u00f6tisten. Nerval suchte Trost: Er \u00fcbersetzte 1840 den 2. Teil des Faust, au\u00dferdem fr\u00f6nte er seinem unstillbaren Reisetrieb. Von 1841 an wurde er von Wahnvorstellungen heimgesucht, die ihn n\u00f6tigten, das ausschweifende Reisen mit immer h\u00e4ufigeren Klinikaufenthalten zu verbinden. Eines seiner letzten Sonette, aus der Sammlung Les chim\u00e8res, tr\u00e4gt den Titel El Desdichado \u2013 Der Ungl\u00fcckselige. Die letzten Dichtungen sind Chiffren eines Daseins, das sich zwischen Marter und Delirium, Wirklichkeit und Traum abspielt. In Paris, am fr\u00fchen Morgen des 25. Januar 1855, fanden Freunde Nervals Leiche. In einer Seitengasse nahe der Seine hatte er sich am Sperrgitter eines Abflusskanals erh\u00e4ngt.<br \/>\nBerlioz und sein Faust<\/p>\n<p>In seinen Huit Sc\u00e9nes de Faust von 1829 l\u00e4sst Berlioz die Titelgestalt aus dem Spiel, Spiritus rector bleibt der unsichtbare Komponist. M\u00e9phistoph\u00e9l\u00e8s (Tenor) singt das Flohlied und eine Serenade f\u00fcr Marguerite, der betrunkene Student Brander (Bariton) die Ballade von der Ratte, Marguerite (Mezzosopran) das Lied vom K\u00f6nig in Thule und eine Romanze (sie entspricht Gretchens Lied \u00bbMeine Ruh\u2019 ist hin\u00ab). Ein Chor von Engeln und von J\u00fcngern stimmt zu Anfang einen Osterhymnus an. Weitere Chorszenen: Landleute feiern den Fr\u00fchling, Sylphen wiegen den (abwesenden) Faust in einen halluzinatorischen Schlaf, Studenten zechen in Auerbachs Keller, Soldaten ziehen singend unter Marguerites Fenster vorbei. Berlioz schickte auch Goethe eine Partitur zu, und der bekundete sein Interesse. Mit dem Urteil, das Carl Friedrich Zelter abgab, war allerdings zu rechnen: Es fiel vernichtend aus. Mendelssohn, das bei Goethe und Zelter akkreditierte Wunderkind, hatte fr\u00fcher schon die Symphonie fantastique als \u00bbeklig\u00ab empfunden und naseweis geurteilt: Berlioz \u00bbmacht mich f\u00f6rmlich traurig, weil er ein wirklich gebildeter, angenehmer Mensch ist und so unbegreiflich schlecht komponiert\u00ab. Mit dem Konzert der Sylphen, Teil 3 der Faust-Szenen, brachte Berlioz es 1829 zu einer einzigen Auff\u00fchrung im Pariser Conservatoire. Jedoch er war mit seiner Komposition nicht zufrieden und zog sie anschlie\u00dfend zur\u00fcck. Zehn Jahre sp\u00e4ter, 1839 und gleichfalls im Conservatoire, war Romeo et Juliette, die hybride Mischung aus Symphonie, Oper, Oratorium und Kantate, ein Triumph und wohl geeignet, ihn zur Wiederaufnahme des Faust-Sujets zu ermutigen.<\/p>\n<p>Weite Teile der Handlung sind nicht als gespielte \u00bbRealit\u00e4t\u00ab zu verstehen, sondern als auditiv zu erfassendes Theater, als ein immaterielles Gaukelspiel, mit dem Mephisto sein Opfer Faust in den Abgrund ziehen, in den Besitz der H\u00f6lle bringen will. Grundlage zu der \u00bbLegende\u00ab in vier Teilen und einem Epilog blieb die \u00dcbersetzung von Nerval. Der Komponist richtete sich f\u00fcr seine Zwecke das Libretto ein, unter Mithilfe des Schriftstellers Almire Gandonni\u00e8re, dessen abenteuerliche Biografie sich ihrerseits als Sujet f\u00fcr eine Berlioz-Partitur angeboten h\u00e4tte. Au\u00dferhalb Frankreichs, in Deutschland, \u00d6sterreich, Ungarn und B\u00f6hmen, holte Berlioz sich die Erfolge zur\u00fcck, die ihm die Heimat vorenthielt: als umherreisender Orchesterdirigent. Parallel dazu, \u00bbin meiner alten deutschen Postkutsche dahinrollend\u00ab, schrieb er St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck an den Versen weiter, die zu seiner Musik passen sollten. Seine Orchesterfassung der alten R\u00e1k\u00f3czy-Melodie wurde, einzeln aufgef\u00fchrt, ein Glanzst\u00fcck der Tournee und vor allem in Budapest st\u00fcrmisch bejubelt. \u00bbIch versuchte weder eine \u00dcbersetzung noch eine Nachahmung von Goethes Meisterwerk, ich war nur bestrebt, die Wirkung auf mich in Musik zu fassen\u00ab, erkl\u00e4rte Berlioz und hatte keine dramaturgischen Probleme, den Anfang seines Faust in der ungarischen Puszta spielen zu lassen, nur um im Szenarium auch den R\u00e1k\u00f3czy-Marsch unterbringen zu k\u00f6nnen. Ebenso war die H\u00f6llenfahrt ohne Wiederkehr, die Faust und Mephisto gemeinsam antreten, eine eigene Erfindung. Faust unterschreibt den Teufelspakt \u00bbfreiwillig\u00ab \u2013 worauf die F\u00fcrsten der H\u00f6lle bestehen -, er opfert vors\u00e4tzlich sein Seelenheil, um Marguerite vor der ewigen Verdammnis zu retten.<br \/>\n\u00bbEines meiner besten Produkte\u00ab<\/p>\n<p>Nach Paris zur\u00fcckgekehrt, vollendete Berlioz je nach Laune und Einfall, aber mit unerm\u00fcdlicher Geduld die restlichen Arbeiten. Er fand, das Ergebnis sei \u00bbeines meiner besten Produkte\u00ab. Aber allein der Druck der Gesangs- und Orchesterstimmen, dazu die Anmietung der Op\u00e9ra Comique brachten ihn an den Rand des Ruins. Am 6. Dezember 1846, 16 Jahre nach Konzeption und Verwerfung der ersten Szenen, brachte Berlioz seine komplette \u00bbdramatische Legende\u00ab konzertant auf die B\u00fchne (jetzt mit einem Tenor als Faust, einem Bariton als Mephisto): Eine Szenenfolge, so irreal und phantasmagorisch, dass der Komponist kaum je daran gedacht haben d\u00fcrfte, sie mit anderen als musikalischen Mitteln \u2013 jedenfalls nicht mit b\u00fchnentechnischen \u2013 zu realisieren. Aber seit dem Erfolg von Romeo und Julia waren sieben Jahre vergangen, auch in Paris herrschten inzwischen andere Moden, die Auff\u00fchrungen mussten tags\u00fcber stattfinden, drau\u00dfen herrschte \u00bbschauderhaftes Wetter\u00ab, und die S\u00e4nger waren Utilit\u00e9s, die man in der Op\u00e9ra Comique jeden Abend h\u00f6ren konnte, sie waren so wenig \u00bbfashionable\u00ab wie das Publikum, das dieses Theater besuchte. Berlioz: \u00bbSo kam es, dass ich den Faust nur zwei Mal vor halb besetztem Haus geben konnte. Das feine Pariser Publikum, das in dem Ruf steht, etwas von Musik zu verstehen, blieb lieber daheim und war so wenig an meiner neuen Partitur interessiert, als w\u00e4re ich das unbedeutendste Konservatoriums-Mitglied. Es waren bei diesen beiden Vorstellungen nicht mehr Besucher in die Op\u00e9ra Comique gekommen, als wenn ihre k\u00fcmmerlichste Oper auf dem Spielplan gestanden h\u00e4tte. Nichts in meiner K\u00fcnstlerlaufbahn hat mich tiefer verletzt als diese unerwartete Gleichg\u00fcltigkeit.\u00ab<\/p>\n<p>In Paris war Faust zu Lebzeiten des Komponisten nicht mehr zu h\u00f6ren. 1852 dirigierte Franz Liszt das Werk in Weimar, im Rahmen der von ihm initiierten Berlioz-Wochen; der Geehrte kam allerdings erst im n\u00e4chsten Jahr zu Besuch, anl\u00e4sslich einer Berlioz-Woche ohne Faust. 1866 fuhr er noch einmal nach Wien, um dort eine konzertante Auff\u00fchrung unter Beteiligung des Wiener Singvereins zu leiten. Eine erste szenische Produktion kam erst 1893, ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Komponisten, in der Salle Garnier der Op\u00e9ra de Monte Carlo zustande, wo der amtierende Theaterdirektor Raoul Gunsbourg das Werk in einer eigenen Bearbeitung herausbrachte. Damit stand der Vorhang offen. Aber die eigentliche B\u00fchne f\u00fcr den Faust von Berlioz war und ist die Fantasie, zuerst die des Komponisten, dann die des Publikums.<\/p>\n<p>Karl Dietrich Gr\u00e4we<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbFausts Verdammnis\u00ab mit Simon Rattle, Joyce DiDonato und Charles Castronovo In \u00bbFausts Verdammnis\u00ab geht es weniger um die philosophische Dimension des Stoffes als um Leidenschaft, Konflikte und eben die effektvolle Verdammnis des Protagonisten. Klangmagier Hector Berlioz schafft hier eine suggestive, imagin\u00e4re Oper, die in unserem Konzert von Simon Rattle und zwei prominenten amerikanischen S\u00e4ngern interpretiert wird: Joyce DiDonato als Marguerite und Charles Castronovo als Faust. Als Mephisto ist Ludovic T\u00e9zier dabei. Berliner Philharmoniker Sir Simon Rattle Dirigent Charles Castronovo Tenor (Faust) Joyce DiDonato Mezzosopran (Marguerite) Ludovic T\u00e9zier Bass (M\u00e9phistoph\u00e9l\u00e8s) Florian Boesch Bass (Brander) Rundfunkchor Berlin Simon Halsey Einstudierung Hector Berlioz La Damnation de Faust, dramatische Legende op. 24 Fu\u0308r La Damnation de Faust schuf Hector Berlioz einen eigenen Text, der in shakespearescher Manier Leidenschaft und Groteske der handelnden Akteure in den Mittelpunkt ru\u0308ckt: \u00bbIch hatte mich nicht dazu verpflichtet, Goethes Plan zu folgen [&#8230;].\u00ab So erscheint in dem zwischen Oper und Chorsymphonie changierenden Werk Faust als byronscher Melancholiker, dem einzig die im Titel erw\u00e4hnte Verdammung bleibt. Nicht an ihm sondern an Marguerite entzu\u0308ndete sich Berlioz\u2019 kompositorische Fantasie, ebenso wie an den Genrebildern wie der Studentenszene, die musikalisch gro\u00dfen Raum einnimmt. Dabei erweist sich die Partitur als wahre Fundgrube charakteristischer Instrumentalfarben, die Berlioz (der kurz zuvor seinen beru\u0308hmten Grand Trait\u00e9 d\u2019instrumentation et d\u2019orchestration modernes fertig gestellt hatte) einmal mehr als brillanten Meister der Instrumentationskunst ausweisen \u2013 etwa, wenn die sonst vernachl\u00e4ssigten Bassregister der Bl\u00e4ser der Sph\u00e4re von M\u00e9phistoph\u00e9l\u00e8s einen schaurig-du\u0308steren Ton verleihen oder die Ballettnummern mit \u00e4u\u00dferst delikaten Holzbl\u00e4sers\u00e4tzen versehen werden. Daran, dass die von Sir Simon Rattle dirigierten Berliner Philharmoniker Berlioz\u2019 Klangfarbenzauber brillant in Szene setzen werden, wird wohl niemand zweifeln. 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