{"id":426,"date":"2015-06-11T07:25:03","date_gmt":"2015-06-11T07:25:03","guid":{"rendered":"http:\/\/zde.uharek.com\/gug\/?p=426"},"modified":"2015-07-05T07:34:32","modified_gmt":"2015-07-05T07:34:32","slug":"mozart-und-mahler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gug.uharek.com\/?p=426","title":{"rendered":"Mozart und Mahler"},"content":{"rendered":"<p><strong>Berliner Philharmoniker<\/strong><\/p>\n<p>Gustavo Dudamel Dirigent<\/p>\n<p>Wolfgang Amadeus Mozart Serenade Nr. 9 D-Dur KV 320 \u00bbPosthorn-Serenade\u00ab<\/p>\n<p>Gustav Mahler Symphonie Nr. 1 D-Dur<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 class=\"subtitle\">Orchesterwerke von Wolfgang Amadeus Mozart und Gustav Mahler<\/h2>\n<p class=\"standard\">\u00bbIm Anfang war das Wort\u00ab, so steht es in der Bibel geschrieben (Joh. 1, 1). Aber was war davor? Im Grunde genommen die Ersch\u00fctterung, deren Maximum, Vulkanausbruch und Unwetter. Dieses Naturbeben transformierte der Mensch am Beginn seiner (biblischen) Geschichte zu einem St\u00fcck Kultur \u2013 in Gestalt eines Blasinstruments, das hebr\u00e4isch \u05e9\u05c1\u05d5\u05b9\u05e4\u05b8\u05e8 (schofar) hei\u00dft: Horn, vornehmlich Widderhorn. Zum einen ist das Horn also eines der \u00e4ltesten Trinkgef\u00e4\u00dfe, zum anderen stellt seine Nutzung als Schallverst\u00e4rker, quasi als eine Vorform des Megafons, einen der fr\u00fchesten Versuche dar, das Beben der Natur nicht nur zu erleiden, sondern es gleichsam in menschliche Regie zu \u00fcberf\u00fchren. Die T\u00f6ne jener ersten H\u00f6rner m\u00fcssen, so berichten es Historiker, die Menschen in der N\u00e4he mit \u00e4hnlichem Schauder durchdrungen haben wie der Donner oder das Gebr\u00fcll von Tieren. Doch war der Mensch ja nun selbst Autor dieses Donners, dieses Gebr\u00fclls, und insofern eine archaische Antwort auf das Naturbeben: der klingende Gegenzauber \u2013 man denke nur an die Eroberung der Stadt Jericho durch die Kinder Israels: \u00bbDarauf erhob das Volk das Kriegsgeschrei und die Widderh\u00f6rner wurden geblasen. Als das Volk den H\u00f6rnerschall h\u00f6rte, brach es in lautes Kriegsgeschrei aus. Die Stadtmauer st\u00fcrzte in sich zusammen, und das Volk stieg in die Stadt hinein, jeder an der n\u00e4chstbesten Stelle.\u00ab (Josua 6, 20)<\/p>\n<h3 class=\"caption\">Klangkultur pur: Wolfgang Amadeus Mozarts <em>Posthorn-Serenade<\/em> KV 320<\/h3>\n<p class=\"standard\">Im Laufe der Geschichte wurde auch die zivile Nutzung dieses wundervollen Instruments in Betracht gezogen. Das Horn diente als Mitteilungs- und Ank\u00fcndigungsmittel. So kam im Grunde das Posthorn in die Welt, und dort blieb es so lange, bis \u2013 vorgeblich \u2013 verfeinerte Kommunikationsmittel ersonnen wurden. Besonders Wolfgang Amadeus Mozart war vom Klang des Horns fasziniert. Das belegen nicht nur seine vier Konzerte f\u00fcr dieses Instrument, sondern auch die Serenade Nr. 9 D-Dur KV 320, die er 1779 noch in Salzburg komponierte. Anlass war die sommerliche Studienjahr-Schlussfeier der Studenten auf dem Marktplatz vor der Kollegienkirche, weswegen man die <em>Posthorn-Serenade<\/em> auch als \u00bbFinalmusik\u00ab tituliert hat. Das siebens\u00e4tzige Werk f\u00fcr Bl\u00e4ser (unter ihnen eben jenes Posthorn, dem sich der Beiname verdankt), Pauken und Streicher hebt mit nachgerade majest\u00e4tischer Vehemenz und dramatisch-w\u00fcrdevollem Ernst an, um in den folgenden gut 40 Minuten zwischen Staatsaktion und Tanzboden hin und her zu pendeln. Eine Ausnahme von diesem polaren Streben bildet der f\u00fcnfte Satz, ein zart-versponnenes d-Moll-Andantino. Bemerkenswert sind zudem die ausgepr\u00e4gten Solo-Sequenzen f\u00fcr Fl\u00f6te und Oboe im G-Dur-Concertante (Andante grazioso) und im Rondeau (Allegro ma non troppo). Die Namenspatenschaft f\u00fcr diese Serenade aber kommt jenem Solo f\u00fcr Posthorn im zweiten Trio des D-Dur-Menuetts zu, das die stupenden Ausdrucksm\u00f6glichkeiten des Instruments noch einmal voll aussch\u00f6pft \u2013 wenn man so will: Naturbeben, umgeschlagen in Klangkultur.<\/p>\n<p class=\"standard\">Naturbeben, umgeschlagen in Klangkultur. Das darf <em>grosso modo<\/em> auch f\u00fcr die Symphonien Gustav Mahlers gelten. Wobei: Die Dimensionen, die sich hier auftun, sind weit gr\u00f6\u00dfer als bei Mozart. Wie enorm, die Ma\u00dfe sprengend sein symphonischen Begehren ist, zeigt sich anhand zweier mahlerscher Postulate. Erstens: \u00bbDie Symphonie muss sein wie die Welt. Sie muss alles umfassen.\u00ab Und zweitens: \u00bbSymphonie hei\u00dft mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen.\u00ab Neun und in Skizzen ein zehntes Mal hat Mahler sich eine solche (Klang)Welt errichtet, und keine dieser Welten \u00e4hnelt den jeweils anderen. Das vielleicht ist das Faszinierendste an seinen immer wieder unergr\u00fcndlichen Symphonien, dass man in sie, selbst wenn man sie gut zu kennen meint, hineintreten kann wie in ein Land voller Wunder, Zauber und \u00dcberraschungen<strong>.<\/strong><\/p>\n<h3 class=\"caption\">Ein schillerndes Kaleidoskop: Gustav Mahlers Erste Symphonie<\/h3>\n<p class=\"standard\">Die Welt so gro\u00df, und doch so klein: Gustav Mahler arbeitet und lebt in Kassel, amtet dortselbst, nach seiner bescheidenen Olm\u00fctzer Erfahrung, seit August 1883 als zweiter Kapellmeister und Chordirektor am K\u00f6niglich-Preu\u00dfischen Theater. Gewiss ist dies nicht eine Position, die ihn ganz f\u00fcllt, die seine k\u00fcnstlerischen Sehns\u00fcchte zu stillen imstande w\u00e4re. Und vielleicht konzipiert er hier, in der Abgeschiedenheit der Provinz, das erste seiner klingenden Weltbilder, die D-Dur-Symphonie, auch oder gerade in der Absicht, der Enge des Daseins gleichsam t\u00f6nend belebt entfliehen zu k\u00f6nnen, hin zur Stadt Utopia. Schon in diesem Erstlingswerk, das Mahler urspr\u00fcnglich mit einem dichterischen, auf Jean Paul zur\u00fcckgehenden Programm umgab, um dem H\u00f6rer diese \u00bbWelt\u00ab zu erkl\u00e4ren (daher stammt auch der von manchem Zeitgenossen heute f\u00e4lschlich noch verwendete Untertitel <em>Titan<\/em>), frappieren die enorme Farbigkeit, der Ideenreichtum und vor allem das architektonische K\u00f6nnen des Komponisten (welches allerdings auch n\u00f6tig ist, um gleich eine ganze Welt zu bauen). Es \u00fcberw\u00e4ltigt die stupende symphonische Meisterschaft.<\/p>\n<p class=\"standard\">Vollendet ist die Erste Symphonie 1888 (sp\u00e4ter wird sie allerdings einer eingehenden Revision unterzogen werden); Mahler wirkt zu dieser Zeit, unter Arthur Nikisch, als zweiter Kapellmeister am Stadttheater Leipzig. Seinem eigenen Bekunden nach soll das Werk \u00bbden Inhalt meines ganzen Lebens ersch\u00f6pfen\u00ab, soll es \u00bbErfahrendes und Erlittenes\u00ab als \u00bbWahrheit und Dichtung in T\u00f6nen\u00ab zum Ausdruck bringen. Gleichwohl will Mahler derlei Konfrontation von Realit\u00e4t und musikalischer Wirklichkeit nicht als Programmmusik verstanden wissen \u2013 obschon er die Symphonie noch bei der Urauff\u00fchrung in Budapest anno 1889 als \u00bbSymphonische Dichtung in zwei Abteilungen\u00ab apostrophiert. Welche Assoziationen auch immer man beim H\u00f6ren dieses Werks haben mag \u2013 seine Sogwirkung ist bereits im Kopfsatz, der mit sph\u00e4rischen Flageoletts der Streicher beginnt, erheblich. Der Komponist verkn\u00fcpft die divergierenden Themen auf so gekonnte Weise miteinander, dass der Eindruck des kaleidoskopisch Schillernden entsteht; nicht nur im ersten Satz (Langsam. Schleppend \u2013 Immer sehr gem\u00e4chlich<em>)<\/em>, sondern auch im folgenden dreiteiligen Scherzo (Kr\u00e4ftig bewegt, doch nicht zu schnell) mit integriertem F-Dur-Trio, im langsamen Satz (Feierlich und gemessen), der in seiner entr\u00fcckten G-Dur-Episode im Mittelteil die letzte Strophe des vierten von Mahlers <em>L<\/em><em>ied<\/em><em>ern eines fahrenden Gesellen<\/em> zitiert, sowie im Finale. Mit \u00bbSt\u00fcrmisch bewegt\u00ab \u00fcberschrieben, gleicht dieses zu Beginn einem <em>Dies irae<\/em> (so scharf gewetzt fahren die Messer durch die Partitur), findet aber nach einigen Metamorphosen in der Coda zu einem apotheotischen Ende.<\/p>\n<h3 class=\"caption\">Ein <em>Gesellen<\/em>-St\u00fcck: der Kopfsatz<\/h3>\n<p class=\"standard\">Doch versuchen wir, den Spuren der Symphonie von Anfang an zu folgen, ihre Sinnzusammenh\u00e4nge zu entwirren (was bei Mahler stets eine heikle Aufgabe darstellt, vergleicht man ihn mit den Symphonie-Architekten Brahms und \u2013 mehr noch \u2013 Bruckner). H\u00f6rt man dieses Beginnen, so entsteht in der Tat der Eindruck, es handle sich hierbei um einen fantastischen Roman, der den \u00bbLeser\u00ab in zahllose Episoden und Einzelgeschehnisse (und Reflektionen) verstrickt, ehe er einen Teil seines Konzepts (und Geheimnisses) preisgibt. Wie aus dem Nichts ist da ein flirrendes, durch alle Lagen gehaltenenes \u00bba\u00ab, Quinte der Tonika bzw. Grundton der Dominante, und erscheint dadurch, dass es im Flageolett erklingt, unwirklich, zumindest enigmatisch. Mahler beschw\u00f6rt in diesem Entr\u00e9e den \u00dcbergang von Stille zu Klang, die Transition von einem Bereich des Noch-Nicht-Seienden (oder wenigstens Noch- Nicht-Wach-Seienden) zur klingenden Kunstent\u00e4u\u00dferung. Schlieren, Schimmer, wohin das innere Auge blickt, das Ohr h\u00f6rt. Mahler ist nicht Beethoven, ist nicht gleich da, in ganzer (riesiger) Gestalt. Er sucht sich und die Form, die Gestalt dessen, was kommt, tastet sich vor \u2013 das ist in fast allen seinen Symphonien so. In diesem speziellen Fall konturiert sich aus dem Nebel ein absteigendes, nur vorgeblich harmloses Quartmotiv heraus als erste intervallische Konsistenz. Dann der Schattenriss einer Fanfare, die langsam und zaghaft n\u00e4her r\u00fcckt: dem imagin\u00e4ren Helden und der (romantisch gef\u00fcgten) Naturhaftigkeit der Stimmung. Ihr an die Seite gestellt ist, in der Art eines Antifons, ein sanft-kantables Hornduett. Von irgendwoher ruft keck ein Kuckuck; vielleicht ist es derselbe, den wir aus den <em>Gesellenl<\/em><em>iedern<\/em>kennen. Und noch ein <em>Gesellenl<\/em><em>ied<\/em> wird zitiert: In der Melodie der Celli begegnet es uns, mit \u00fcbergestreiftem Volkston und in starker Allusion an <em>Ging <\/em><em>heut m<\/em><em>orgen \u00fcbers Feld<\/em>. Aus diesem Amalgam an divergenten Stoffen entwickelt der Komponist nun sein symphonisches Gebilde, gibt er den Gestalten im weiteren Verlauf des Satzes immer gr\u00f6\u00dferen Raum, auf dass sie sich entfalten m\u00f6gen in der Weite des Klangfelds. Dabei verschiebt er aber immer wieder auch die Wertigkeiten der Themen, sodass die Welt, die uns hier begegnet, hermeneutisch letztlich eine ungef\u00e4hre bleibt \u2013 jedenfalls eine, die sich noch \u00f6ffnet f\u00fcr unterschiedliche Optionen, die f\u00fcr Ausbr\u00fcche jeder Art empf\u00e4nglich ist und durch die gleichwohl ein j\u00e4her Riss geht. Die symphonische Welt als klingende Entsprechung zum musilschen M\u00f6glichkeitssinn? Wer wei\u00df.<\/p>\n<h3 class=\"caption\">\u00bbEin rhythmisches Erlebnis von bezwingender Intensit\u00e4t\u00ab: das Scherzo<\/h3>\n<p class=\"standard\">Mahler selbst wusste wohl um die Schwierigkeiten. Urspr\u00fcnglich stand an zweiter Stelle ein Andante, die <em>Blumine<\/em>. Sie aber, wie das gesamte literarische Programm, suspendiert der Komponist nach der dritten Auff\u00fchrung der Symphonie in Weimar \u2013 mit der Folge, dass sich das Scherzo nun unmittelbar anschlie\u00dft. So neu, wie man denken k\u00f6nnte, war diese Satzfolge nicht: Brahms etwa verwandte sie in seinem Zweiten Klavierkonzert, und schon Chopin hatte f\u00fcr seine d\u00e4monische b-Moll-Klaviersonate op. 58 diese Konzeption gew\u00e4hlt. Wie in den angef\u00fchrten F\u00e4llen ergibt sich auch in Mahlers D-Dur-Symphonie eine bezwingende Logik: Der vital-nerv\u00f6se Impetus des Kopfsatzes greift direkt auf das Scherzo \u00fcber. Und ganz gewiss darf man Paul Bekker zustimmen, der zu dem Ergebnis gelangte, das Ganze dieses Satzes sei \u00bbein rhythmisches Erlebnis von au\u00dferordentlicher Steigerungswucht und bezwingender Intensit\u00e4t\u00ab. Mit anderen Worten: Hier geht\u2019s unter die Leute und auf die derb verfertigte L\u00e4ndler-Diele. Doch vergisst Mahler die Tradition dar\u00fcber nicht; die metrische Gemessenheit erinnert ebenso an beethovensche Menuette wie die festgeschlossene Periodik des Themas, der korsettartige Aufbau. Dem gegen\u00fcber stehen die Pr\u00e4chtigkeit und Vielgestaltigkeit der musikalischen Bilder, das ausufernde melodische Gebaren, das, wenn man so will, Prinzip des \u00dcber-die-Ufer-Tretens, wie es stilpr\u00e4gend f\u00fcr eigentlich alle Symphonien Mahlers ist. Denn stets strebt er ja in diesen Werken nicht nur hin zur Welt, sondern auch stets auch \u00fcber sie hinaus.<\/p>\n<p class=\"standard\">Die Welt ist eben schmerzenreich. Der Trauermarsch, eine nicht anders denn grimmig zu nennende Groteske, erz\u00e4hlt davon. Voll herber Ironie ist diese nach Moll gewendete Paraphrase des Kinderlieds <em>Bruder Jakob<\/em>, voll bedr\u00fcckener Ungewissheit, voller Sehnsucht und voller lugubrer Verschattungen: wenn man so will, eine erstarrte Melancholie in T\u00f6nen, die auch in den sanfteren Passagen nicht v\u00f6llig in Vergessenheit ger\u00e4t. Da nimmt es kaum Wunder, dass Mahler als eine Inspirationsquelle Moritz von Schwinds Zeichnung <em>Wie die Thiere den J\u00e4ger begraben<\/em> heranzog.<\/p>\n<h3 class=\"caption\">Dall\u2019inferno al paradiso: das Finale<\/h3>\n<p class=\"standard\">Aber es geht immer noch tiefer, schw\u00e4rzer, absurder. Das 20-min\u00fctige Finale, das selbst auf den ge\u00fcbten H\u00f6rer noch den Eindruck macht, als wolle oder k\u00f6nne es gar nicht mehr aufh\u00f6ren, charakterisiert Mahler in fr\u00fchen programmatischen \u00dcberlegungen in Anlehnung an Dantes <em>Divina Commedia<\/em> als ein <em>Dall<\/em><em>\u2019i<\/em><em>nferno al <\/em><em>p<\/em><em>aradiso<\/em>. Der Satz beginnt demgem\u00e4\u00df mit einem grellen Aufschrei, auf den sogleich ein Viertonmotiv in den Blechbl\u00e4sern antwortet: als eine Art \u00bbtonisches Symbol des Kreuzes\u00ab, wie Liszt diese Floskel gregorianischen Ursprungs genannt hat. Nachgerade h\u00f6llengleich f\u00e4hrt dieser Floskel ein (mehrfach wiederholtes) Triolenmotiv in die Parade, und es folgt eine Ballade, in der Mahler auf den letzten Teil seines <em>Klagen<\/em><em>den Lied<\/em><em>s<\/em> anspielt. Erst danach entscheidet sich der Sch\u00f6pfer gleichsam, auf die Erde hinauf zur\u00fcckzukehren, um dann das Paradies aufzusuchen: weniger ein <em>per aspera ad astra<\/em> als vielmehr ein epischer Vorgang, der zum einen reminiszierend den Bogen zum Kopfsatz spannt (Topos \u00bbErinnerung\u00ab) und zum anderen von erheblichen Verwerfungen gekennzeichnet ist. Einen Kampf habe er darstellen wollen, so Mahler, in welchem der Sieg dem K\u00e4mpfer immer dann am weitesten entfernt sei, wenn jener ihn am n\u00e4chsten glaube. In Koh\u00e4renz dazu wird die vers\u00f6hnliche Zieltonart erst erreicht, nachdem erneut ein blitzartiger harmonischer Riss durch das musikalische Massiv gefahren ist; Mahler selbst hat darauf verwiesen: \u00bbMein D-Dur-Akkord musste klingen, als w\u00e4re er vom Himmel gefallen, als k\u00e4me er aus einer anderen Welt.\u00ab Da ist sie wieder, die Welt. So klein, und doch so gro\u00df.<\/p>\n<p class=\"author\"><em>J\u00fcrgen Otten<\/em><\/p>\n<p>Gustavo Dudamel dirigiert die Berliner Philharmoniker<br \/>\nGl\u00fchender Klang<br \/>\nTagesspiegel 13.06.2015 13:09 UhrVon Christiane Tewinkel<\/p>\n<p><strong>Erf\u00fcllte Gegenwart: Das sensationelle Dirigat von Gustavo Dudamel bei den Berliner Philharmonikern. <\/strong><br \/>\nEin gigantischer Abend, dieses Konzert mit Gustavo Dudamel und den Berliner Philharmonikern. Zuerst Mozarts Posthorn-Serenade, darauf Gustav Mahlers fast einst\u00fcndige Erste Symphonie. Und deren vierter Satz, das \u201est\u00fcrmisch bewegte\u201c Finale, ger\u00e4t unter Dudamels Leitung zu einem \u00fcberw\u00e4ltigenden Erlebnis, einer H\u00f6rerfahrung, die alles \u00fcberf\u00e4hrt und hinwegbrennt, was man gegen den Abend auch einwenden k\u00f6nnte: Dass Dudamel bei Mozart Tiefe mit Langsamkeit, sogar Statik einkaufen will. Dass \u00fcberschaubare satztechnische Strukturen offenbar auch zu leichter Ratlosigkeit f\u00fchren k\u00f6nnen. Dass die Lebendigkeit, die in dieser lieblichen Serenade steckt, vor allem deswegen gegenw\u00e4rtig wird, weil die gl\u00e4nzend aufgelegten Philharmoniker sich je einzeln daf\u00fcr engagieren, Albrecht Mayer an der Oboe, Emmanuel Pahud an der Fl\u00f6te, Michael Hasel mit einer v\u00f6gleinleichten Piccolofl\u00f6tenpassage oder G\u00e1bor Tark\u00f6vi, der auf dem winzigen Posthorn die von Mozart so h\u00fcbsch zusammengesetzten Naturintervalle spielt.<br \/>\nEin Weltnobelpreis f\u00fcr Musik w\u00e4re nur angebracht<\/p>\n<p>Aber egal, egal, egal: Wer eine Symphonie von Mahler auf diese Weise dirigieren kann, verdient den Weltnobelpreis f\u00fcr Musik. Es geht hier nicht um Potenz, um Lautst\u00e4rke oder bl\u00f6de Schmissigkeit. Der 1981 geborene Gustavo Dudamel, in den Minuten des frenetischen Schlussapplauses sofort wieder in einer Haltung von Jovialit\u00e4t und Bescheidenheit gegen\u00fcber dem Orchester, hat vielmehr die einzigartige Gabe, technische, musikalische und intellektuelle Sch\u00e4rfe am Pult ineinszusetzen.<\/p>\n<p>Ein gigantischer Abend, dieses Konzert mit Gustavo Dudamel und den Berliner Philharmonikern. Zuerst Mozarts Posthorn-Serenade, darauf Gustav Mahlers fast einst\u00fcndige Erste Symphonie. Und deren vierter Satz, das \u201est\u00fcrmisch bewegte\u201c Finale, ger\u00e4t unter Dudamels Leitung zu einem \u00fcberw\u00e4ltigenden Erlebnis, einer H\u00f6rerfahrung, die alles \u00fcberf\u00e4hrt und hinwegbrennt, was man gegen den Abend auch einwenden k\u00f6nnte: Dass Dudamel bei Mozart Tiefe mit Langsamkeit, sogar Statik einkaufen will. Dass \u00fcberschaubare satztechnische Strukturen offenbar auch zu leichter Ratlosigkeit f\u00fchren k\u00f6nnen. Dass die Lebendigkeit, die in dieser lieblichen Serenade steckt, vor allem deswegen gegenw\u00e4rtig wird, weil die gl\u00e4nzend aufgelegten Philharmoniker sich je einzeln daf\u00fcr engagieren, Albrecht Mayer an der Oboe, Emmanuel Pahud an der Fl\u00f6te, Michael Hasel mit einer v\u00f6gleinleichten Piccolofl\u00f6tenpassage oder G\u00e1bor Tark\u00f6vi, der auf dem winzigen Posthorn die von Mozart so h\u00fcbsch zusammengesetzten Naturintervalle spielt.<\/p>\n<p>Ein Weltnobelpreis f\u00fcr Musik w\u00e4re nur angebracht<\/p>\n<p>Aber egal, egal, egal: Wer eine Symphonie von Mahler auf diese Weise dirigieren kann, verdient den Weltnobelpreis f\u00fcr Musik. Es geht hier nicht um Potenz, um Lautst\u00e4rke oder bl\u00f6de Schmissigkeit. Der 1981 geborene Gustavo Dudamel, in den Minuten des frenetischen Schlussapplauses sofort wieder in einer Haltung von Jovialit\u00e4t und Bescheidenheit gegen\u00fcber dem Orchester, hat vielmehr die einzigartige Gabe, technische, musikalische und intellektuelle Sch\u00e4rfe am Pult ineinszusetzen.<\/p>\n<p>Es nimmt in diesem Sinne nicht wunder, dass der Venezolaner bei der vorerst vertagten Chefwahl der Berliner Philharmoniker trotz seines jungen Alters \u00fcberhaupt infrage kam (freilich hat er erst vor wenigen Wochen seinen Vertrag mit der Los Angeles Philharmonic bis 2021\/22 erneuert). Schlagtechnisch \u00fcberragend virtuos, scheint Dudamel das gro\u00dfe Orchester regelrecht umgreifen zu k\u00f6nnen, mit Hand und Stock noch jenseits von Blech und Schlagzeug zu gelangen. Bereits das pl\u00f6tzliche Losbrechen von Bewegung im Eingangssatz, gar der grau anhebende, sich herrlich entfaltende dritte Satz oder das nachgerade schr\u00e4ge Trio im zweiten lassen aufhorchen. Im langen letzten Satz werden die Philharmoniker wie ferngesteuert spielen; die ber\u00fchmte Horn-Passage zum Ende hin, gegen die die Streicher gl\u00fchende Klangfl\u00e4chen legen, klingt nach reiner, hilflos machender Energie, das gesamte Finale ein Labor an Kl\u00e4ngen und M\u00f6glichkeiten, der Inbegriff erf\u00fcllter Gegenwart.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berliner Philharmoniker Gustavo Dudamel Dirigent Wolfgang Amadeus Mozart Serenade Nr. 9 D-Dur KV 320 \u00bbPosthorn-Serenade\u00ab Gustav Mahler Symphonie Nr. 1 D-Dur &nbsp; Orchesterwerke von Wolfgang Amadeus Mozart und Gustav Mahler \u00bbIm Anfang war das Wort\u00ab, so steht es in der Bibel geschrieben (Joh. 1, 1). Aber was war davor? Im Grunde genommen die Ersch\u00fctterung, deren Maximum, Vulkanausbruch und Unwetter. Dieses Naturbeben transformierte der Mensch am Beginn seiner (biblischen) Geschichte zu einem St\u00fcck Kultur \u2013 in Gestalt eines Blasinstruments, das hebr\u00e4isch \u05e9\u05c1\u05d5\u05b9\u05e4\u05b8\u05e8 (schofar) hei\u00dft: Horn, vornehmlich Widderhorn. Zum einen ist das Horn also eines der \u00e4ltesten Trinkgef\u00e4\u00dfe, zum anderen stellt seine Nutzung als Schallverst\u00e4rker, quasi als eine Vorform des Megafons, einen der fr\u00fchesten Versuche dar, das Beben der Natur nicht nur zu erleiden, sondern es gleichsam in menschliche Regie zu \u00fcberf\u00fchren. Die T\u00f6ne jener ersten H\u00f6rner m\u00fcssen, so berichten es Historiker, die Menschen in der N\u00e4he mit \u00e4hnlichem Schauder durchdrungen haben wie der Donner oder das Gebr\u00fcll von Tieren. Doch war der Mensch ja nun selbst Autor dieses Donners, dieses Gebr\u00fclls, und insofern eine archaische Antwort auf das Naturbeben: der klingende Gegenzauber \u2013 man denke nur an die Eroberung der Stadt Jericho durch die Kinder Israels: \u00bbDarauf erhob das Volk das Kriegsgeschrei und die Widderh\u00f6rner wurden geblasen. Als das Volk den H\u00f6rnerschall h\u00f6rte, brach es in lautes Kriegsgeschrei aus. Die Stadtmauer st\u00fcrzte in sich zusammen, und das Volk stieg in die Stadt hinein, jeder an der n\u00e4chstbesten Stelle.\u00ab (Josua 6, 20) Klangkultur pur: Wolfgang Amadeus Mozarts Posthorn-Serenade KV 320 Im Laufe der Geschichte wurde auch die zivile Nutzung dieses wundervollen Instruments in Betracht gezogen. Das Horn diente als Mitteilungs- und Ank\u00fcndigungsmittel. 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