{"id":445,"date":"2015-11-06T23:24:07","date_gmt":"2015-11-06T23:24:07","guid":{"rendered":"http:\/\/gug.uharek.com\/?p=445"},"modified":"2015-11-06T23:28:56","modified_gmt":"2015-11-06T23:28:56","slug":"schmitke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gug.uharek.com\/?p=445","title":{"rendered":"Schmitke"},"content":{"rendered":"<p>Schmitke beginnt mit nahezu skandinavischer Trockenheit, einer Komik, die sich aus dem Allt\u00e4glichen generiert. Schmitkes (Peter Kurth) T\u00e4tigkeit als Ingenieur f\u00fcr Windr\u00e4der ist sehr bewusst gew\u00e4hlt, denn so wie seine R\u00e4der dreht sich auch Schmitkes Leben ewig weiter und kommt doch nie vom Fleck.<\/p>\n<p>Aber dann durchbrechen pl\u00f6tzlich mehrere Ereignisse seine Routine. Hippie-Tochter Anne (Lana Cooper) kehrt von einer Erleuchtungsreise zur\u00fcck und versucht (vergeblich) ihren Vater f\u00fcr die esoterische Wirkung von Steinen zu begeistern. Und dann wird Schmitke auch noch von seinem Labor in den Au\u00dfendienst versetzt und muss sich mit seinem nervt\u00f6tenden Kollegen Thomas (Johann J\u00fcrgens) auf eine Reise nach Tschechien begeben, um in einem verschlafenen Nest mitten in den Bergen ein altes Windrad zu reparieren.<\/p>\n<p>Wenn Schmitke seine geordnete Welt verl\u00e4sst, ver\u00e4ndern sich auch Stimmung und Stil des Films. Die trockene Tragikomik macht einer wachsenden Bedrohung platz. Altrichter inszeniert den Wald sowohl als Sehnsuchtsort wie auch als diffuse Gefahr und zieht diese Aspekte motivisch durch seinen Film. Ist es zun\u00e4chst noch die Radionachricht vom \u201eB\u00e4ren-Mann\u201c, der in der Wildnis aufgegriffen wurde, und ein mysteri\u00f6ses Geb\u00fcsch, das Schmitke auf seinem Heimweg regelm\u00e4\u00dfig aus dem Konzept bringt, sind es nun die mit Nebelschwaden \u00fcberhangenen tschechischen W\u00e4lder, die seinen Helden auf unerkl\u00e4rliche Weise faszinieren.<\/p>\n<p>Doch der Wald ist nicht das einzige Motiv des Films. Rotierende Apparaturen, Hirsche und vermutlich noch einiges mehr, das von mir unbemerkt blieb, tauchen immer wieder auf und verleihen Schmitke etwas (Alb)Traumhaftes. Erz\u00e4hlebenen verschieben sich und stellen die Zuschauer_innen vor ein R\u00e4tsel. Was ist Traum, was Wirklichkeit? Auch das tschechische Nest, in dem Schmitke und Thomas stranden, wirkt wie eine zeitlose Parallelwelt. Wie das kaputte Windrad, das einfach nicht stehen bleiben m\u00f6chte, scheinen sich auch im Dorf die Tage auf mystische Weise endlos zu wiederholen.<\/p>\n<p>Der Wald als Ort, in dem der Mann noch Mann sein kann, scheint der einzige Ausweg aus der ewigen Wiederkehr des Gleichen zu sein. Das ist vielleicht ein bisschen sehr stereotyp gedacht, ebenso wie das offensichtliche Gegensatzpaar Technik-Natur ein wenig zu platt daher kommt. Schmitke muss lernen, dass sich nicht alles mit mechanischer Genauigkeit kontrollieren und reparieren l\u00e4sst. Er muss loslassen, sich in den Kreislauf des Lebens ergeben und ihn genie\u00dfen lernen. Dann und nur dann kann paradoxer und doch logischer Weise das Hamsterrad stehen bleiben.<\/p>\n<p>Da ist so viel in Schmitke, was man_frau lieben kann. Wundersch\u00f6ne Bilder der Natur, manchmal malerisch, manchmal bedrohlich. Verschiedenste Themen und Motive, die subtil zu einem komplexen Bedeutungsnetz verbunden werden, ohne nach Dechiffrierung zu schreien. Aber da sind auch Probleme, vornehmlich dramaturgischer Natur, die den Filmgenuss schm\u00e4lern, oder \u2013 positiv formuliert \u2013 eine Herausforderung f\u00fcr die Zuschauer_innen darstellen.<\/p>\n<p>Der Auftritt Annes bleibt zu isoliert. So schnell wie sie auftaucht, ist sie auch schon wieder verschwunden und spielt f\u00fcr die weitere Geschichte keinerlei Rolle mehr. Schmitke und der Film lassen die Tochter kommentarlos zur\u00fcck, als habe sie weder f\u00fcr ihren Vater noch f\u00fcr die Handlung irgendeine Bedeutung. Auch Thomas steigt pl\u00f6tzlich aus der Geschichte aus. Statt als eigene Charaktere dienen die Figuren als Accessoires des Helden, sind ausschlie\u00dflich durch ihre Funktion f\u00fcr Schmitke definiert, so dass der Film zu einem z\u00e4hen Ein-Personen-St\u00fcck wird.<\/p>\n<p>Auch ist die Arbeit mit Motiven und der mysteri\u00f6sen Aufladung des Waldes zu gewollt und schlie\u00dflich in ihrem Scheitern zu deutlich sichtbar. Die vermeintliche Bedrohung bleibt auf der narrativen Ebene stehen und kommt nicht als Gef\u00fchl beim Publikum an. Es fehlt an Spannung und Atmosph\u00e4re, um die repetitiven Bilder und Szenen auszugleichen. So wie Schmitke darum k\u00e4mpft, dass das Windrad doch endlich stehenbleiben m\u00f6ge, ersehnen auch wir das Ende der gef\u00fchlt ewigen Wiederholung gleicher Bilder und Szenen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich bleibt die Bedeutungsblase, das Mysterium vom Waldgeist und der diffusen (m\u00e4nnlichen?) Selbstfindung in der Wildnis, letztlich leer. Manch eine_r mag darin einen gelungenen Interpretationsraum sehen, eine Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr die eigenen Gedanken. Andere wiederum, und dazu z\u00e4hle ich mich selbst, f\u00fchlen sich frustriert, wenn ihnen die wiederholt angedeutete L\u00f6sung des R\u00e4tsels h\u00f6hnisch lachend vorenthalten wird.<\/p>\n<p>Aber was auch immer die Publikumsreaktion sein mag: Schmitke erf\u00fcllt das Versprechen vom \u201eeigensinnigen deutschen Autorenkino der Gegenwart\u201c. Und das ist in Zeiten des deutschen Unterhaltungseinheitsbreis in jedem Fall positiv zu werten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schmitke beginnt mit nahezu skandinavischer Trockenheit, einer Komik, die sich aus dem Allt\u00e4glichen generiert. Schmitkes (Peter Kurth) T\u00e4tigkeit als Ingenieur f\u00fcr Windr\u00e4der ist sehr bewusst gew\u00e4hlt, denn so wie seine R\u00e4der dreht sich auch Schmitkes Leben ewig weiter und kommt doch nie vom Fleck. Aber dann durchbrechen pl\u00f6tzlich mehrere Ereignisse seine Routine. Hippie-Tochter Anne (Lana Cooper) kehrt von einer Erleuchtungsreise zur\u00fcck und versucht (vergeblich) ihren Vater f\u00fcr die esoterische Wirkung von Steinen zu begeistern. Und dann wird Schmitke auch noch von seinem Labor in den Au\u00dfendienst versetzt und muss sich mit seinem nervt\u00f6tenden Kollegen Thomas (Johann J\u00fcrgens) auf eine Reise nach Tschechien begeben, um in einem verschlafenen Nest mitten in den Bergen ein altes Windrad zu reparieren. Wenn Schmitke seine geordnete Welt verl\u00e4sst, ver\u00e4ndern sich auch Stimmung und Stil des Films. Die trockene Tragikomik macht einer wachsenden Bedrohung platz. Altrichter inszeniert den Wald sowohl als Sehnsuchtsort wie auch als diffuse Gefahr und zieht diese Aspekte motivisch durch seinen Film. Ist es zun\u00e4chst noch die Radionachricht vom \u201eB\u00e4ren-Mann\u201c, der in der Wildnis aufgegriffen wurde, und ein mysteri\u00f6ses Geb\u00fcsch, das Schmitke auf seinem Heimweg regelm\u00e4\u00dfig aus dem Konzept bringt, sind es nun die mit Nebelschwaden \u00fcberhangenen tschechischen W\u00e4lder, die seinen Helden auf unerkl\u00e4rliche Weise faszinieren. Doch der Wald ist nicht das einzige Motiv des Films. Rotierende Apparaturen, Hirsche und vermutlich noch einiges mehr, das von mir unbemerkt blieb, tauchen immer wieder auf und verleihen Schmitke etwas (Alb)Traumhaftes. Erz\u00e4hlebenen verschieben sich und stellen die Zuschauer_innen vor ein R\u00e4tsel. Was ist Traum, was Wirklichkeit? Auch das tschechische Nest, in dem Schmitke und Thomas stranden, wirkt wie eine zeitlose Parallelwelt. 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