{"id":451,"date":"2015-11-12T23:39:03","date_gmt":"2015-11-12T23:39:03","guid":{"rendered":"http:\/\/gug.uharek.com\/?p=451"},"modified":"2015-11-13T23:41:31","modified_gmt":"2015-11-13T23:41:31","slug":"von-einem-der-auszog-weil-er-sich-die-miete-nicht-mehr-leisten-konnte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gug.uharek.com\/?p=451","title":{"rendered":"Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte"},"content":{"rendered":"<p>Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte<br \/>\nOper von Dirk von Lowtzow und Ren\u00e9 Pollesch<\/p>\n<p>Das war sie also, die Geschichte von mir und Dingsda. Es war zu Ende. Das Begehren war weg und merkw\u00fcrdigerweise auch die Realit\u00e4t. Ich h\u00e4tte vielleicht erwartet, dass ich den Realit\u00e4tssinn verliere, so wie fr\u00fcher, wenn deine Worte und Versprechungen und das was dann passierte, nicht mehr in den Rahmen dessen passte, was ich an Vorverst\u00e4ndnis f\u00fcr Szenerien mitbringen konnte. Aber diesmal, und es wird unser letztes Mal gewesen sein, war es anders. Das, was ich die wirkliche Welt nenne, die, die wir eben so verstehn k\u00f6nnen, und auseinandernehmen und auch verbessern, ist in dem Moment kollabiert, und hat sich ganz und gar aufgel\u00f6st. Es gibt dich nicht mehr. Ich meine, begehrenstechnisch, und ich frage mich, wie du vor mir verschwinden konntest. Wei\u00dft du, zu sagen, dass du f\u00fcr mich gestorben bist, trifft es ja nicht. Damit wischt man ja nur das Problem weg und ignoriert, was da vor einem steht, das elementare phantasmatische Objekt. Wei\u00dft du, wenn jemand wie ich, so viele Geschichten zusammengetragen hat, \u00fcber alle Zust\u00e4nde, in denen ich mit dir war, und diese Geschichten, wenn zwei Leute dann eines Tages in einem Raum stehen, und das alles hat nichts mehr mit ihnen zu tun&#8230; Ich muss dann an diesen Film denken, den ich neulich sah. Eine Frau geht auf ein Haus zu, und man hat den Eindruck, dass das Haus den Blick erwidert. So als h\u00e4tten wir eine Ahnung, dass da jemand zur\u00fcckguckt, der sich aber nicht zeigt. Und das ist das Entscheidende. Obwohl wir nicht hineingucken k\u00f6nnen, gibt es diese Tendenz, dass wir dahinter jemanden vermuten. Wir k\u00f6nnen den Blick einfach nicht als Objekt stehen lassen. Wir stellen uns immer vor, dass etwas da drin steckt! Und sei es nur ein Bauchredner. Wei\u00dft du, das machen wir eigentlich die ganze Zeit mit jedem, der uns begegnet. Und wir ahnen, dass diese Vorstellung auch uns selbst produziert. Ich hab mich sowieso immer gefragt, warum ich die Subjektivit\u00e4t an dir relevanter fand als meine eigene. Ich produziere die Subjektivit\u00e4t an dir. In unserem nicht-psychotischen Leben fr\u00fcher, war es so, dass egal was du da sagtest &#8211; ich h\u00f6rte dich damals noch sprechen, und ich konnte dich auch sehen &#8211; egal was du da sagtest, ich h\u00f6rte dich. Auch wenn ich deine Gedanken nicht verstand, was ich eigentlich nie tat, ehrlich gesagt. Aber ich bildete es mir ein, weil ich das eben an dir mache: Subjektivit\u00e4t konstruieren. Und dadurch lebe ich auch. Und jetzt wenn du vor mir stehst, sehe ich, dass sich dein Mund bewegt, ich h\u00f6re auch T\u00f6ne, aber das zerrei\u00dft pl\u00f6tzlich alles, dann geht mir all das verloren, was ich ansonsten bei jedem toten Gegenstand kann, ihn mit irgendwas zu f\u00fcllen, zumindest mit irgendeinem Bauchredner. Und d a s ist ein psychotischer Moment. Nicht die Momente als wir in der K\u00fcche gem\u00fctlich voreinander sa\u00dfen und anschlie\u00dfend mit Messern aufeinander losgegangen sind, das ist normal, das ist die Realit\u00e4t. Psychotisch ist es, wenn ich dich nicht mehr sehe. Wenn ich das nicht mehr machen kann, was grunds\u00e4tzlich zwar auch psychotisch ist, aber unsere wirkliche Welt konstituiert: hinter allem einen Blick und eine Stimme zu vermuten. Und grunds\u00e4tzlich hat das ja auch mit unserer eigent\u00fcmlichen Erfahrung zu tun: Ich kann ganz tief in dich hineinsehn, wie in ein Tamagotchi. Ja, das ist ein altes Wort, ich geb es zu. Aber wenn es um Tiefe geht, m\u00fcssen wir eben alte Worte bem\u00fchen. Ich seh dein Inneres ganz gut von au\u00dfen, denn wenn ich in dich hineinsehen k\u00f6nnte, s\u00e4he ich gar nichts.<\/p>\n<p>Spieldauer: 1 Stunde 40 Minuten   <\/p>\n<p>Mit: Franz Beil, Lilith Stangenberg, Martin Wuttke, Martin Gerke (Bariton), Christoph Schr\u00f6ter (Bariton), Filmorchester Babelsberg, Oliver Pohl (Dirigent) und Rundfunk-Kinderchor Berlin am Georg-Friedrich-H\u00e4ndel-Gymnasium<\/p>\n<p>Regie: Ren\u00e9 Pollesch<br \/>\nSongtexte und Komposition: Dirk von Lowtzow<br \/>\nArrangements und Orchestrierung: Thomas Meadowcroft<br \/>\nB\u00fchne: Bert Neumann<br \/>\nKost\u00fcme: Nina von Mechow<br \/>\nLicht: Lothar Baumgarte<br \/>\nTon: Christopher von Nathusius, William Minke<br \/>\nVideo: Jens Crull<br \/>\nSoufflage: Tina Pfurr<br \/>\nDramaturgie: Anna Heesen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte Oper von Dirk von Lowtzow und Ren\u00e9 Pollesch Das war sie also, die Geschichte von mir und Dingsda. Es war zu Ende. Das Begehren war weg und merkw\u00fcrdigerweise auch die Realit\u00e4t. Ich h\u00e4tte vielleicht erwartet, dass ich den Realit\u00e4tssinn verliere, so wie fr\u00fcher, wenn deine Worte und Versprechungen und das was dann passierte, nicht mehr in den Rahmen dessen passte, was ich an Vorverst\u00e4ndnis f\u00fcr Szenerien mitbringen konnte. Aber diesmal, und es wird unser letztes Mal gewesen sein, war es anders. Das, was ich die wirkliche Welt nenne, die, die wir eben so verstehn k\u00f6nnen, und auseinandernehmen und auch verbessern, ist in dem Moment kollabiert, und hat sich ganz und gar aufgel\u00f6st. Es gibt dich nicht mehr. Ich meine, begehrenstechnisch, und ich frage mich, wie du vor mir verschwinden konntest. Wei\u00dft du, zu sagen, dass du f\u00fcr mich gestorben bist, trifft es ja nicht. Damit wischt man ja nur das Problem weg und ignoriert, was da vor einem steht, das elementare phantasmatische Objekt. 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