{"id":646,"date":"2018-09-22T10:38:48","date_gmt":"2018-09-22T10:38:48","guid":{"rendered":"http:\/\/gug.uharek.com\/?p=646"},"modified":"2018-09-23T10:42:36","modified_gmt":"2018-09-23T10:42:36","slug":"daniel-harding-dirigiert-bruckners-fuenfte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gug.uharek.com\/?p=646","title":{"rendered":"Daniel Harding dirigiert Bruckners F\u00fcnfte"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbTragische\u00ab, \u00bbFaustische\u00ab, \u00bbKatholische\u00ab: Die unterschiedlichsten Beinamen schob die Nachwelt der F\u00fcnften Symphonie von Anton Bruckner unter, w\u00e4hrend der Komponist selbst von seiner \u00bbPhantastischen\u00ab Symphonie sprach. Daran zeigt sich vor allem die Vielfalt an Ausdruckswelten, die in diesem monumentalen Werk zu finden sind \u2013 vom gr\u00fcblerischen Raunen bis zum strahlenden Auftrumpfen. Dirigent des Abends ist Daniel Harding.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"standard\">Was f\u00fcr eine Entdeckung! 1904 stie\u00df ein pensionierter Beamter des k.k. Eisenbahnministeriums im Nachlass seines k\u00fcrzlich zuvor verstorbenen Schwiegervaters auf eine handschriftliche Partitur aus der Feder von Anton \u00adBruckner. Die Sensation bestand keineswegs darin, dass dieses Werk bislang unentdeckt geblieben w\u00e4re, handelte es sich bei dem Fund doch um Bruckners F\u00fcnfte Symphonie, die unter der Leitung von Franz Schalk am 8. April 1894 in Graz uraufgef\u00fchrt worden war. F\u00fcr Furore sorgte vielmehr die Tatsache, dass diese Handschrift eine Zueignung aufwies. Ihr war zu entnehmen, dass Bruckner seine F\u00fcnfte drei Jahre nach ihrer Vollendung \u00bbin tiefster Ehrfurcht\u00ab Dr. Karl Ritter von Stremayr gewidmet hatte. In seiner Funktion als Minister f\u00fcr Kultus und Unterricht hatte Stremayr 1875 Bruckners Ruf als Lektor f\u00fcr Harmonielehre und Kontrapunkt an die Wiener Universit\u00e4t best\u00e4tigt. Der Komponist dankte es ihm, indem er eine s\u00e4uberliche, auf den 4. November 1878 \u2013 den Namenstag Stremayrs \u2013 datierte Abschrift seiner F\u00fcnften Symphonie nebst Widmung anfertigte, die dann bis zum Tod Stremayrs in dessen Privatbesitz verblieb.<\/p>\n<p class=\"standard\">Erstmals erklungen war Bruckner F\u00fcnfte am \u00ad\u00ad20.April 1887 in einer Transkription f\u00fcr zwei Klaviere im Wiener B\u00f6sendorfersaal. Die erste Orchesterauff\u00fchrung fand dann in Abwesenheit des Komponisten sieben Jahre sp\u00e4ter in einer Bruckners Intentionen vielfach verf\u00e4lschenden Fassung statt: Der Dirigent hatte das gro\u00df dimensionierte Werk um rund 15 Minuten gek\u00fcrzt, die Partitur zugleich aber in bester Opernmanier um ein Fernorchester bereichert. Da Schalk seine Version 1896 auch im Druck herausgab, war sie f\u00fcr die weitere Rezeption der F\u00fcnften richtungsweisend. Erst durch den spektakul\u00e4ren Fund der Stremayr zugeeigneten Partiturabschrift Bruckners wurde das Interesse an der Originalgestalt des Werks neu erweckt. Unbestreitbar scheint seitdem, dass sich die F\u00fcnfte wie eine Vorahnung von Bruckners Ruf an die Wiener Universit\u00e4t ausnimmt: Das Werk, das Bruckner selbst einmal als sein \u00bbkontrapunktisches Meisterwerk\u00ab bezeichnet haben soll, ist trotz seiner gro\u00df angelegten formalen Strukturen ein Musterbeispiel f\u00fcr kompositorische \u00d6konomie und Satzstrenge.<\/p>\n<p class=\"standard\">Bei Daniel Harding, der u.\u2009a. bei Claudio Abbado und Sir Simon Rattle sein Dirigierhandwerk als deren Assistent erlernte und 1996 im Alter von nur 21 Jahren sein philharmonisches Deb\u00fct gab, liegt dieses exzeptionelle Werk Bruckners in den denkbar besten H\u00e4nden.<\/p>\n<h2 class=\"subtitle\">Anton Bruckners F\u00fcnfte Symphonie<\/h2>\n<p class=\"standard\">Man kann es sich geradezu bildlich vorstellen, wie Anton Bruckner im Mai 1876 mitten auf einer gigantischen Partiturseite die letzten Linien von oben nach unten akkurat eintr\u00e4gt, die Feder zur Seite legt, sich zur\u00fccksinken l\u00e4sst und aufatmend den Blick gen Himmel richtet. Der Schlussstrich der F\u00fcnften Symphonie \u2013 er ist endlich erreicht! Doch erf\u00fcllen sich nun auch die Hoffnungen, die ihr Sch\u00f6pfer bei der Entstehung des Werks hegte?<\/p>\n<h3 class=\"caption\">Befreiung aus der Krise<\/h3>\n<p class=\"standard\">Der am 4. September 1824 in der ober\u00f6sterreichischen Provinz geborene Komponist hatte sich sein Leben lang um gesellschaftlichen Aufstieg und k\u00fcnstlerische Anerkennung bem\u00fcht. Beides war ihm gl\u00e4nzend gelungen: Vom Schulgehilfen auf dem Land \u00fcber die T\u00e4tigkeit als Domorganist in Linz hatte er es 1868 zum Hoforganisten und zum Professor f\u00fcr Harmonielehre, Kontrapunkt und Orgelspiel am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien gebracht. Letztere Stelle, so ehrenwert sie auch sein mochte, taugte jedoch kaum zur Sicherung eines b\u00fcrgerlichen Lebensstils in der \u00f6sterreichischen Hauptstadt, wie ihn Bruckner zu pflegen w\u00fcnschte. Deshalb bem\u00fchte er sich um eine Anstellung an der Wiener Universit\u00e4t, von der der Musiker sich nicht nur finanzielle Sicherheit, sondern auch ein erneut gesteigertes Renommee versprach. Das Professorenkollegium war jedoch skeptisch und wies das Gesuch des 50-J\u00e4hrigen im Herbst 1874 ab. Noch dazu verlor Bruckner in dieser Zeit seine Nebent\u00e4tigkeit an einer Lehrerbildungsanstalt.<\/p>\n<p class=\"standard\">Diese R\u00fcckschl\u00e4ge l\u00f6sten eine seelische Krise aus. \u00bbMein Leben hat alle Freude\u00a0<u>u<\/u>\u00a0Lust verloren \u2013 umsonst,\u00a0<u>u<\/u>\u00a0um nichts\u00ab, klagte Bruckner am 12. Januar 1875 gegen\u00fcber seinem F\u00f6rderer und Freund Moritz von Mayfeld. Und wenig sp\u00e4ter, noch depressiver: \u00bbAlles ist zu sp\u00e4t. Flei\u00dfig Schulden machen,\u00a0<u>u<\/u>\u00a0am Ende im Schuldenarreste die Fr\u00fcchte meines Flei\u00dfes genie\u00dfen, und die Thorheit meines \u00dcbersiedelns nach Wien ebendort besingen, kann mein endliches Loos werden.\u00ab Dass er dennoch am 14. Februar 1875, mit der Komposition seiner F\u00fcnften Symphonie begann, wirkt wie ein gewaltiger Akt der Selbstbehauptung, \u00bbJetzt erst recht!\u00ab, mag er sich gedacht haben, als gelte es, entgegen den Urteilen aller Skeptiker und nicht zuletzt gegen\u00fcber eigenen Skrupeln, seine F\u00e4higkeiten ein f\u00fcr alle Mal unter Beweis zu stellen. Besonderes Augenmerk richtete Bruckner bei der neuen Symphonie auf die Kunst des Kontrapunkts \u2013 der Verwebung und Durchdringung der Stimmen \u2013, dessen Regelwerk seit Anfang des 18. Jahrhunderts zu den zentralen Prinzipien der Satztechnik geh\u00f6rte. Dieser hohe Anspruch machte die Komposition jedoch zu einem heiklen Unterfangen. Als w\u00fcrde er sich an das Projekt quasi herantasten, begann Bruckner mit dem Adagio, bevor er sich an die konsequente Ausarbeitung der \u00fcbrigen drei S\u00e4tze machte. Die Arbeit ging bis zur Fertigstellung der Partitur am 16. Mai 1876 konzentriert voran, forderte aber auch die Kondition heraus. Wie sich sein Sch\u00fcler Josef Vockner erinnerte, wollte Bruckner ein Werk wie dieses nicht \u00bbf\u00fcr 1000 Gulden [&#8230;] nochmals\u00ab schreiben.<\/p>\n<h3 class=\"caption\">Unbedingter Wille zur Logik<\/h3>\n<p class=\"standard\">Die F\u00fcnfte ist \u2013 wie auch alle anderen Symphonien des Komponisten \u2013 ein Solit\u00e4r von geradezu erhabener Erscheinung. Ihre Besonderheit liegt darin, dass Bruckner die musikalischen Abl\u00e4ufe mit einer bezwingenden inneren Logik gestaltet und dabei eine \u00e4u\u00dferst durchdachte Form erarbeitet hat. Aus Themen, Motiven und Abl\u00e4ufen spinnt sich ein dichtes Beziehungsnetz, das die Grenzen eines einzelnen Satzes nicht selten \u00fcberschreitet.<\/p>\n<p class=\"standard\">Der Kopfsatz ist dabei insofern ungew\u00f6hnlich, als Bruckner zum ersten Mal in seiner Laufbahn eine langsame Einleitung komponiert hat. Er beginnt mit einer ruhigen, melancholischen Episode, fl\u00e4chigen Streicherkl\u00e4ngen und ged\u00e4mpften Pizzicati; ohne \u00dcberleitung schlie\u00dft sich ein wuchtiges, von den Blechbl\u00e4sern beherrschtes Motiv an, das zwei Mal in einen gravit\u00e4tischen Choral m\u00fcndet. Im dritten Abschnitt entwickelt sich unversehens ein unter Paukenwirbeln vibrierendes Fortissimo. Erst nach dieser Er\u00f6ffnung erklingt der Allegro-Hauptteil, der nun ohne Umschweife mit dem markanten Thema beginnt: einem erst absteigenden, kurz verweilenden und dann in scharfer Punktierung aufstrebenden Motiv. Seinen irrlichternder Gegenpart bildet eine zweite Episode im Pizzicato. W\u00e4hrend diese Passage auf melodische Entfaltung abzielt, durchmischen sich im Folgenden die Instrumentengruppen, sodass ein prachtvoller symphonischer Eindruck entsteht.<\/p>\n<p class=\"standard\">Was bislang mit Ruhe und Sorgfalt ausgebreitet wurde, durchl\u00e4uft darauf ein wechselvolles Kombinationsspiel der Instrumentierung und Satztechnik. Die Abst\u00e4nde zwischen leisen und eruptiven Passagen verdichten sich enorm, was bis zu einem j\u00e4hen Gegen\u00fcber aus einem w\u00fcst stampfenden Rhythmus und einer leisen Choralversion reicht. Die Reprise, in der alle vom Geschehen der Durchf\u00fchrung enervierten Hauptgedanken noch einmal wiederholt werden, kr\u00f6nt schlie\u00dflich eine knappe Coda. Sie verwandelt den Kopf des Hauptthemas in eine majest\u00e4tische, sich unz\u00e4hlige Male wiederholende Dur-Fanfare.<\/p>\n<h3 class=\"caption\">Widerstreit zwischen Fl\u00e4che und Linie: Adagio und Scherzo<\/h3>\n<p class=\"standard\">Die Idee einer verhaltenen, blo\u00df von den Streichern gezupften Einleitung wird im Adagio aus dem Kopfsatz \u00fcbernommen. Doch das Grundtempo ist nun erstmals in dieser Symphonie ein schreitender Dreiertakt \u2013 eine Art L\u00e4ndler in Zeitlupe. Die anfangs noch idyllische Stimmung w\u00e4hrt jedoch nur kurz. Bruckner f\u00fchrt das Geschehen \u00fcber einen raumgreifenden, romantischen Streichersatz und eine von Horntupfern getragene Fl\u00e4che zu einer weitl\u00e4ufigen, noch intensiveren Steigerung. Eindringliche Episoden, die von auf- und absteigenden Linien der Streichinstrumente und strahlendem Blech getragen werden, stehen Passagen gegen\u00fcber, die durch die sich hier verwebenden Solostimmen etwa der Fl\u00f6te, des Horns oder des Cellos wie zur\u00fcckgenommen, fast vereinzelt wirken.<\/p>\n<p class=\"standard\">Bis in die Motive der Begleitung hinein sind die beiden Mittels\u00e4tze stark aufeinander bezogen. Das Scherzo fu\u00dft auf \u00e4hnlichen Begleitfiguren wie das vorangegangene Adagio \u2013 nun aber mit markigem Bogenstrich und in eindringlicherem Tempo gespielt. Nicht nur in seinen \u00fcberraschenden Tempowechseln ist dieser Satz au\u00dfergew\u00f6hnlich; auch die dynamischen Kontraste zwischen derwischartig kreisenden Fortissimi und eher federnden Abschnitten folgen schnell aufeinander. Das in der Mitte erklingende Trio bringt eine zwar bewegte, durch die Dur-Melodik und die Instrumentation mit Holzbl\u00e4sern aber auch gel\u00f6st volkst\u00fcmliche Stimmung mit sich.<\/p>\n<h3 class=\"caption\">Choral und Kombinationskunst<\/h3>\n<p class=\"standard\">Die Symphonie bildet ein Beziehungsgeflecht. Im Finale wird dieses Prinzip noch einmal auf h\u00f6chst eindrucksvolle Weise deutlich. Wieder erklingt zun\u00e4chst eine langsame Einleitung, die sowohl an das Hauptthema des ersten als auch an den langsamen Satz erinnert. Als Scharnier zwischen diesen Reminiszenzen setzt Bruckner ein eigenwilliges Motiv ein: Ein absteigender Oktavsprung f\u00fchrt \u00fcber eine kurze, gebundene Punktierung zu seinem einen Halbton h\u00f6her gelegenen aufsteigenden Pendant. Aus diesem Einfall entwickelt sich bald eine strenge Fuge. Nachdem ihre Energie immer weiter abgenommen hat, folgt ein eher gesanglicher Abschnitt, dessen kunstvoll verwobene Linien \u00fcber eine aufstrebende Tonleiter in eine weitere dramatische Episode m\u00fcnden. Im strahlend t\u00f6nenden Satz von Trompeten, H\u00f6rnern, Posaunen und Tuba erklingt nun ein leuchtender Choral, den die Streicher mit ihrem Echo in ein schimmerndes Licht tauchen. Gerade dieses Motiv entwickelt sich zum Kernst\u00fcck des Finales. Die Wiederholung des Choralthemas durch das Solohorn leitet eine neue Episode ein, in der Bruckner zahlreiche Techniken des Kontrapunkts auf seine Themen und Motive anwendet.<\/p>\n<p class=\"standard\">Anschlie\u00dfend zeigt sich, dass auch der Choral melodisch und harmonisch offen f\u00fcr eine Kombination mit dem Hauptthema ist. Ehe dies im dreifachen Fortissimo und Unisono demonstriert wird, f\u00fcgt Bruckner noch eine weitere Phase ein, bei welcher der Oktavsprung nebelhaft durch die Instrumentengruppen m\u00e4andert. Dadurch entsteht der Eindruck, als sei an dieser Stelle noch unklar, ob die geplante Synthese der Motive \u00fcberhaupt funktionieren kann. Doch die kontrapunktische Kunst entwickelt sich konsequent bis zur h\u00f6chsten polyfonen Stufe weiter: der Doppelfuge. Nach der Reprise des fl\u00fcchtigen Seitenthemas wird offenbar, dass auch das Thema des ersten Satzes der Symphonie in \u00e4hnlicher Weise mit dem Hauptmotiv des Finales verbunden werden kann. Es braucht noch einmal eine gewaltige Steigerungswelle; dann setzt der Choral ein \u2013 gro\u00dffl\u00e4chig ausgebreitet in den Blechbl\u00e4sern, unterf\u00fcttert mit den Punktierungen des Hauptmotivs als rhythmischem Kontrapunkt. Der Jubel dauert eine ganze Weile an: \u00bbChoral bis zum Ende\u00a0<em>fff<\/em>\u00ab, schreibt der Komponist schon 52 Takte vor dem Schluss der Symphonie.<\/p>\n<h3 class=\"caption\">Schatten der Bearbeitung<\/h3>\n<p class=\"standard\">Mitten in der Arbeit erhielt Anton Bruckner am 8. November 1875 dann doch die erhoffte Anstellung als Lektor f\u00fcr Harmonie und Kontrapunkt an der Universit\u00e4t Wien. Seine Hoffnungen hatten sich damit endlich erf\u00fcllt, und im April 1876 fand seine Antrittsvorlesung statt. Rund einen Monat sp\u00e4ter konnte auch die Niederschrift der F\u00fcnften Symphonie beendet werden und die Durchsicht des Werks war am 4. Januar 1878 endg\u00fcltig abgeschlossen. Stolz soll Bruckner danach die neue Symphonie als sein \u00bbkontrapunktisches Meisterst\u00fcck\u00ab bezeichnet haben.<\/p>\n<p class=\"standard\">Doch so viel Energie er in die Komposition investiert hatte, so wenig konnte oder wollte er sich auch f\u00fcr deren Auff\u00fchrung einsetzen. Um diese bem\u00fchten sich besonders seine Sch\u00fcler Franz und Joseph Schalk, die allerdings eigene Pl\u00e4ne verfolgten. In einer Fassung f\u00fcr zwei Klaviere setzten die beiden Br\u00fcder und der Pianist Franz Zottmann die Symphonie am 20. April 1887 \u2013 mehr als neun Jahre nach ihrer Vollendung \u2013 im Wiener B\u00f6sendorfersaal aufs Programm; es war das einzige Mal, dass Bruckner sein Werk selbst h\u00f6rte.<\/p>\n<p class=\"standard\">Bei der noch einmal sieben Jahre sp\u00e4ter stattfindenden ersten Auff\u00fchrung mit Orchester am 9. April 1894 im Stadttheater Graz, die Franz Schalk dirigierte, war der alternde Meister aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden nicht anwesend. Dies hatte jedoch auch etwas Gutes, denn an diesem Tag erklang eine stark bearbeitete Fassung der Symphonie, die Bruckners kompositorische Absichten unterlief und ihn sicherlich ver\u00e4rgert h\u00e4tte. Unter anderem fielen besonders im Finale ganze Satzabschnitte der K\u00fcrzung zum Opfer, Dissonanzen wurden gegl\u00e4ttet, Tempi korrigiert und sogar die Instrumentation ver\u00e4ndert, um einen Klang zu erreichen, der am Stil Richard Wagners orientiert war. Auch zus\u00e4tzliche Instrumente wie Becken, Triangel und sogar ein von Ferne spielendes Bl\u00e4serensemble verf\u00e4lschten den Originalklang. \u00dcber diese vielen gravierenden \u00c4nderungen lie\u00df Franz Schalk den Komponisten allerdings im Unklaren, als er ihm am Tag nach dem Konzert schrieb. \u00bbSie werden gewiss schon m\u00fcndlichen Bericht haben \u00fcber die ungeheure Wirkung, die Ihre gro\u00dfe herrliche V. hervorrief. Ich kann hier nur beif\u00fcgen, dass der Abend f\u00fcr die Zeit meines Lebens zu den herrlichsten Erinnerungen z\u00e4hlen wird, deren ich je teilhaftig werden konnte.\u00ab<\/p>\n<p class=\"standard\">Auch f\u00fcr die Drucklegung der arrangierten Fassung, die 1896 im Wiener Verlag Doblinger erschien, setzte sich Schalk ein. Das Interesse an der urspr\u00fcnglichen Gestalt der Symphonie wurde erst in den 1930er-Jahren wach. Als sie am 27. und 28. Oktober 1935 von den M\u00fcnchner Symphonikern unter Siegmund von Hauseggers in der bayerischen Hauptstadt uraufgef\u00fchrt wurde, geriet besonders die Gegen\u00fcberstellung der unterschiedlichen Versionen des Finales zur Sensation. \u00bbEin musikgeschichtliches Datum!\u00ab, jubelte der Rezensent der\u00a0<em>Neuen Zeitschrift f\u00fcr Musik<\/em>. \u00bbDenn des Staunens und der \u00dcberraschung \u00fcber die von Bearbeitereingriffen gereinigte, urspr\u00fcngliche Lesart wollte kein Ende werden.\u00ab 1951 erschien Bruckners Originalfassung noch einmal im Rahmen der Neuen Gesamtausgabe. Diese hat, zuletzt Mitte dieses Jahres von Benjamin-Gunnar Cohrs wissenschaftlich aktualisiert, weiter dazu beigetragen, die imposante Wirkung des \u00bbkontrapunktischen Meisterst\u00fccks\u00ab wieder freizulegen.<\/p>\n<p class=\"author\"><em>Felix Werthschulte<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbTragische\u00ab, \u00bbFaustische\u00ab, \u00bbKatholische\u00ab: Die unterschiedlichsten Beinamen schob die Nachwelt der F\u00fcnften Symphonie von Anton Bruckner unter, w\u00e4hrend der Komponist selbst von seiner \u00bbPhantastischen\u00ab Symphonie sprach. Daran zeigt sich vor allem die Vielfalt an Ausdruckswelten, die in diesem monumentalen Werk zu finden sind \u2013 vom gr\u00fcblerischen Raunen bis zum strahlenden Auftrumpfen. Dirigent des Abends ist Daniel Harding. &nbsp; Was f\u00fcr eine Entdeckung! 1904 stie\u00df ein pensionierter Beamter des k.k. Eisenbahnministeriums im Nachlass seines k\u00fcrzlich zuvor verstorbenen Schwiegervaters auf eine handschriftliche Partitur aus der Feder von Anton \u00adBruckner. Die Sensation bestand keineswegs darin, dass dieses Werk bislang unentdeckt geblieben w\u00e4re, handelte es sich bei dem Fund doch um Bruckners F\u00fcnfte Symphonie, die unter der Leitung von Franz Schalk am 8. April 1894 in Graz uraufgef\u00fchrt worden war. F\u00fcr Furore sorgte vielmehr die Tatsache, dass diese Handschrift eine Zueignung aufwies. Ihr war zu entnehmen, dass Bruckner seine F\u00fcnfte drei Jahre nach ihrer Vollendung \u00bbin tiefster Ehrfurcht\u00ab Dr. Karl Ritter von Stremayr gewidmet hatte. In seiner Funktion als Minister f\u00fcr Kultus und Unterricht hatte Stremayr 1875 Bruckners Ruf als Lektor f\u00fcr Harmonielehre und Kontrapunkt an die Wiener Universit\u00e4t best\u00e4tigt. Der Komponist dankte es ihm, indem er eine s\u00e4uberliche, auf den 4. November 1878 \u2013 den Namenstag Stremayrs \u2013 datierte Abschrift seiner F\u00fcnften Symphonie nebst Widmung anfertigte, die dann bis zum Tod Stremayrs in dessen Privatbesitz verblieb. Erstmals erklungen war Bruckner F\u00fcnfte am \u00ad\u00ad20.April 1887 in einer Transkription f\u00fcr zwei Klaviere im Wiener B\u00f6sendorfersaal. Die erste Orchesterauff\u00fchrung fand dann in Abwesenheit des Komponisten sieben Jahre sp\u00e4ter in einer Bruckners Intentionen vielfach verf\u00e4lschenden Fassung statt: Der Dirigent hatte das gro\u00df dimensionierte Werk um rund 15 Minuten gek\u00fcrzt, die Partitur zugleich aber in bester Opernmanier um ein Fernorchester bereichert. 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