{"id":718,"date":"2019-09-12T08:32:17","date_gmt":"2019-09-12T08:32:17","guid":{"rendered":"http:\/\/gug.uharek.com\/?p=718"},"modified":"2019-09-15T08:38:05","modified_gmt":"2019-09-15T08:38:05","slug":"daniel-harding-dirigiert-berlioz-romeo-et-juliette","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gug.uharek.com\/?p=718","title":{"rendered":"Daniel Harding dirigiert Berlioz\u2019 \u00bbRom\u00e9o et Juliette\u00ab"},"content":{"rendered":"\n<p>Daniel Harding dirigiert Berlioz\u2019 \u00bbRom\u00e9o et Juliette\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl die Liebe das alles \u00fcberstrahlende Thema in Romeo und Julia ist, gibt es hier noch viele weitere emotionale Zust\u00e4nde zu erleben: sch\u00f6nste Feststimmung, der Hass einer Familienfehde und nat\u00fcrlich Trauer und Entsetzen angesichts eines tragischen Doppelselbstmords. All das hat Hector Berlioz in seiner zwischen Symphonie und Kantate angesiedelte Version eingefangen: dramatisch, opulent, einfallsreich. Dirigent dieser Auff\u00fchrung ist Daniel Harding, der sich seit Jahren f\u00fcr das Werk engagiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Berliner Philharmoniker<br \/> Daniel Harding Dirigent<br \/> Kate Lindsey Mezzosopran<br \/> Andrew Staples Tenor<br \/> Shenyang Bassbariton<br \/> Rundfunkchor Berlin<br \/> Gijs Leenaars Chor-Einstudierung<br \/> Hector Berlioz<br \/> Rom\u00e9o et Juliette, Dramatische Symphonie op. 17<br \/> William Shakespeare, \u00c9mile Deschamps<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbBeethoven konnte nur in Berlioz wieder aufleben; und ich, der ich Ihre g\u00f6ttlichen Kompositionen genossen habe [\u2026] halte es f\u00fcr meine Pflicht, Sie zu bitten, als Zeichen meiner Ehrerbietung 20.000 Francs annehmen zu wollen.\u00ab Kein Geringerer als der von Zeitgenossen oft als knauserig beschriebene Violinvirtuose Niccol\u00f2 Paganini richtete 1838 diese Zeilen an Hector Berlioz. Der f\u00fchlte sich geehrt, freute sich als jemand, der seinerzeit notorisch pleite war, vor allem aber \u00fcber die erkleckliche finanzielle Zuwendung. \u00bbNach Bezahlung meiner Schulden war ich noch im Besitz einer sehr sch\u00f6nen Summe, und ich dachte nur daran, sie f\u00fcr musikalische Zwecke zu verwenden\u00ab, berichtete der Komponist in sp\u00e4teren Jahren. \u00bbNach ziemlich langem Z\u00f6gern entschied ich mich f\u00fcr eine Symphonie mit Chor [und] Gesangssoli.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Damit war die Idee zu<em>&nbsp;Rom\u00e9o et Juliette<\/em>&nbsp;geboren. Sieben Monate arbeitete Berlioz nach eigener Aussage an dem von Shakespeares Trag\u00f6die inspirierten Werk, das er nach Abschluss der Partitur als \u00bbSymphonie dramatique\u00ab bezeichnete. Tats\u00e4chlich stellt die Komposition keine Kantate oder konzertante Oper dar, sondern wird von Berlioz in die Tradition von Beethovens Neunter Symphonie eingereiht: als zyklische Instrumentalkomposition, die durch die Verwendung von Vokalstimmen die klassischen Grenzen der Gattung erweitert. So ist im Vorwort zur Partitur von&nbsp;<em>Rom\u00e9o et Juliette<\/em>&nbsp;zu lesen: \u00bbWenn der Gesang nahezu von Anfang an mitwirkt, so geschieht das, um den Zuh\u00f6rer auf die dramatischen Szenen vorzubereiten, deren Gef\u00fchle und Leidenschaften durch das Orchester ausgedr\u00fcckt werden sollen.\u00ab Vereinfachend k\u00f6nnte man heute auch sagen: Das Programm ist nicht in einer Begleitbrosch\u00fcre nachzulesen, sondern dem Werk in Form von Solostimmen und Chor einkomponiert. Das erkl\u00e4rt auch, warum Schl\u00fcsselmomente der shakespeareschen Dramenhandlung wie etwa die ber\u00fchmte Balkonszene nicht als opernhafte Vokalnummern, sondern als instrumentale Stimmungsbilder gestaltet sind. In seinen Memoiren wies Berlioz auf die \u00bbSchwierigkeiten\u00ab hin, die sich \u00bbdurch das Ungew\u00f6hnliche des Stils und der Form\u00ab ergeben, und betonte, man ben\u00f6tige f\u00fcr eine Auff\u00fchrung von&nbsp;<em>Rom\u00e9o et Juliette<\/em>&nbsp;vor allem eins: \u00bberstklassige Kr\u00e4fte\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die werden ohne Zweifel aufgeboten, wenn der als junger Mann von Sir Simon Rattle und Claudio Abbado gef\u00f6rderte, mittlerweile auf allen Konzertpodien rund um den Globus gefeierte Daniel Harding Berlioz\u02bc singul\u00e4re Komposition mit den Berliner Philharmonikern, dem Rundfunkchor Berlin und renommierten Vokalsolisten im Rahmen des&nbsp;<em>Musikfests Berlin<\/em>&nbsp;zum Leben erweckt.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">O sink hernieder, Nacht der Liebe<\/h1>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einige Anmerkungen zu Hector Berlioz\u2019 Symphonie dramatique&nbsp;<em>Rom\u00e9<\/em><em>o&nbsp;<\/em><em>et<\/em><em>&nbsp;Juli<\/em><em>ette<\/em><\/h2>\n\n\n\n<p>Liebe? Etwas Sch\u00f6neres, Besseres, Erhabeneres gibt es nicht. Liebe ist das einzig Richtige im richtigen Leben und w\u00e4re es wohl noch im falschen, das \u2013 hegelianisch gesprochen \u2013 wahre Ganze und somit auch das ganze Wahre: Ziel allen irdischen Strebens, Seins und Werdens. Das Problem daran ist nur, dass die Liebe dort, wo sie hinf\u00e4llt, keineswegs zwangsl\u00e4ufig immer richtig gebettet ist. So auch im wohl ber\u00fchmtesten Fall der Literatur- und Dramengeschichte, in William Shakespeares 1597 erstmals gedrucktem Schauspiel mit dem wunderbar melodi\u00f6sen Titel&nbsp;<em>An<\/em><em>e<\/em><em>xcellent&nbsp;<\/em><em>conceited<\/em><em>&nbsp;Tragedy of Romeo and Juli<\/em><em>et<\/em>. Erz\u00e4hlt wird darin eine Art Ur-Geschichte: Zwei Menschen lieben einander, tun es von ganzem, unschuldig-reinem Herzen. Doch die schicksalhaften gesellschaftlichen Umst\u00e4nde verlangen geradezu danach, dass diese Verbindung keine Zukunft haben darf und haben wird; zu verfeindet sind die Veroneser Familien Montague und Capulet, als dass Vers\u00f6hnung, geschweige denn irgendeine Form der Zuneigung eine Chance haben k\u00f6nnten. Es sei denn, jene Liebe, die in den Tod m\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Opern- und Ballettb\u00fchnen bildete der Stoff nat\u00fcrlich eine perfekte Steilvorlage; kein Wunder, dass sich etliche Komponisten des tragischen Falls annahmen und ihn nach eigenem Gutd\u00fcnken umformten. Einer tat es nicht, und das ist nur mit gr\u00f6\u00dftem Bedauern und sogar einer Prise Unverst\u00e4ndnis zu konstatieren: Giuseppe Verdi vertonte zwar mehrere Shakespeare-Dramen, von&nbsp;<em>Romeo und Julia<\/em>&nbsp;aber lie\u00df er die Finger. Bleiben unter dem Strich vier Komponisten, denen die Umsetzung der Trag\u00f6die in Musik gl\u00fcckte. Sergej Prokofjew schuf das zweifellos sch\u00f6nste Werk f\u00fcr die Gattung Ballett:&nbsp;<em>Romeo und Julia<\/em>. Auf dem Gebiet der Oper teilen sich drei Sch\u00f6pfer den Lorbeer. Erstens Vincenzo Bellini mit seinem leidenschaftlichen, die Vorlage allerdings sehr freiz\u00fcgig deutenden Belcanto-Drama&nbsp;<em>I Capuleti&nbsp;<\/em><em>e&nbsp;<\/em><em>i Montecchi<\/em>&nbsp;(beide Liebende werden von Frauen gesungen!); zweitens sein heute g\u00e4nzlich in Vergessenheit geratener Landsmann Nicola Vaccaj mit seinem musikalisch wie dramaturgisch plausiblen St\u00fcck&nbsp;<em>Giul<\/em><em>i<\/em><em>etta e<\/em><em>Romeo<\/em>. Und drittens Charles Gounod. Dessen grandioses f\u00fcnfaktiges Opus magnum&nbsp;<em>Rom\u00e9o et Juliette<\/em>&nbsp;enth\u00e4lt alle Ingredienzen einer zeitlos modernen Trag\u00f6die. Der&nbsp;<em>C<\/em><em>oup de&nbsp;<\/em><em>t<\/em><em>h\u00e9\u00e2tre<\/em>&nbsp;von Gounods Werk liegt insbesondere in seinem religi\u00f6s-transzendentalen Schlusstableau: Die beiden Liebenden bitten ihren Sch\u00f6pfer um Vergebung f\u00fcr die letzte S\u00fcnde ihres Lebens \u2013 den gemeinsamen Freitod. Nichts bringt sie der ewigen Gl\u00fcckseligkeit n\u00e4her als diese an sich schauerliche (gleichwohl couragierte) Tat. Durch den Zauber der Liebe, besiegelt mit einem einzigen, einzigartigen Kuss, sind sie eins in Seele und Herz. Und selbst den herannahenden Tod empfindet die weibliche Titelheldin als \u00bbce moment de doux\u00ab, als einen Moment der S\u00fc\u00dfe. Eine Volte, die nur der (an extremen Positionen reichen) Romantik entspringen konnte. Die aber musikalisch beglaubigt ist durch den Gebrauch der Invokation (Anrufung Gottes) im oktavischen Einklang der Stimmen. Gounod wendete so mit h\u00f6chstem dramaturgischen Geschick die perspektivlose Katastrophe der shakespeareschen Trag\u00f6die in ihr glattes Gegenteil \u2013 in eine Art sentimentale Verkl\u00e4rung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine neue Form des imagin\u00e4ren Theaters \u2013&nbsp;<em>Rom\u00e9o et Juliette<\/em>&nbsp;von Hector Berlioz<\/h3>\n\n\n\n<p>Hector Berlioz w\u00e4hlte eine komplett andere Herangehensweise. Er entschied sich, Shakespeares Vorlage nicht in ein genuines B\u00fchnenwerk umzum\u00fcnzen (was aufgrund der Struktur dieses St\u00fccks eigentlich nahelag), sondern schlug \u2013 einmal um eine neue Form des imagin\u00e4ren Theaters zu kreieren, aber wohl auch deswegen, weil der Titan Beethoven ihm als leuchtendes Ideal vor Augen stand \u2013 den weitaus schwierigeren Weg ein. Er entwarf seine Version von&nbsp;<em>Rom\u00e9o et Juliette<\/em>&nbsp;(das neben dem&nbsp;<em>Hamlet<\/em>&nbsp;zu Berlioz\u02bc Lieblingsst\u00fccken des gro\u00dfen Engl\u00e4nders z\u00e4hlte) als \u00bbSymphonie dramatique, avec ch\u0153urs, solos du chant, et prologue en r\u00e9citatif choral\u00ab. Die Arbeit an diesem opulenten, knapp 100-min\u00fctigen Opus, die sich \u00fcber mehrere Monate des Jahres 1839 hinzog, muss ihren Sch\u00f6pfer enorm in Anspruch genommen haben; so zumindest liest sich die entsprechende Passage in seinen ausschweifenden und in vielen literarischen Farben schillernden&nbsp;<em>M\u00e9<\/em><em>moires<\/em>: \u00bbIch arbeitete sieben Monate lang an meiner Symphonie, ohne mich dabei mehr als drei oder vier Tage im Monat irgendwelcher anderer Dinge wegen zu unterbrechen. Welch ein gl\u00fchendes Leben f\u00fchrte ich in dieser ganzen Zeit! Mit welcher Kraft schwamm ich in diesem weiten Meer der Poesie, umschmeichelt vom launischen Wind der Fantasie, unter den hei\u00dfen Strahlen der Liebessonne Shakespeares, und im Glauben an meine Kraft, die wunderbare Insel zu erreichen, auf der der Tempel der reinen Kunst sich erhebt.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbChapeau, Monsieur Berlioz\u00ab, w\u00fcrde hier der geneigte Literaturkritiker applaudieren. Doch nicht nur der: In der Tat ist dem franz\u00f6sischen Komponisten mit&nbsp;<em>Rom\u00e9o et Juliette<\/em>&nbsp;ein kleiner Geniestreich gelungen, der schon seine Zeitgenossen schwer begeisterte und sogar einen \u00e4u\u00dferst kritischen Geist wie Richard Wagner beeindruckte (der zwischen 1839 und 1842 mehr oder minder erfolgreich in Paris Fu\u00df zu fassen versuchte): \u00bbDie fantastische K\u00fchnheit und scharfe Pr\u00e4zision, mit welcher hier die gewagtesten Kombination wie mit den H\u00e4nden greifbar auf mich eindrangen\u00ab, schreibt er im R\u00fcckblick auf die dramatische Symphonie seines franz\u00f6sischen Kollegen, \u00bbtrieben mein eigenes musikalisch-poetisches Empfinden mit schonungslosem Ungest\u00fcm scheu in mein Inneres zur\u00fcck. Ich war ganz nur Ohr f\u00fcr Dinge, von denen ich bisher gar keinen Begriff hatte und welche ich mir nun zu erkl\u00e4ren suchte\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Wagners ergriffene Irritation ist gerechtfertigt, hat aber ihren Grund zum einen in der kompositorischen Physiognomie von Berlioz, zum anderen in der Vorlage f\u00fcr&nbsp;<em>Rom\u00e9o et Juliette<\/em>. Nicht das Original (das er zwar kannte, seiner geringen Englisch-Kenntnisse aber nicht studieren konnte) diente dem Komponisten als Inspiration, sondern die franz\u00f6sische Prosa\u00fcbersetzung von Pierre Letourneur von 1776, die 1821 in einer redigierten Ausgabe des Historikers und Politikers Fran\u00e7ois Guizot erschienen war. Und dann gab es da noch den grandiosen, regief\u00fchrenden Schauspieler David Garrick (er lebte von 1717 bis 1779): Dessen radikal gek\u00fcrzte, auf die Liebestrag\u00f6die fokussierte, das Gros der gesellschaftlichen Implikationen zur\u00fcckdr\u00e4ngende Version von&nbsp;<em>Romeo und Julia<\/em>&nbsp;sah Berlioz in der Saison 1827\/1828 auf der B\u00fchne einer in Paris gastierenden englischen Theatertruppe, mit Charles Kemble und der legend\u00e4ren Harriet Smithson in den Hauptrollen. Diese Version, in der es unter anderem eine feierliche Prozession zu Julias Begr\u00e4bnis gab, die Berlioz sp\u00e4terhin zu einem inwendig-ersch\u00fctternden&nbsp;<em>Convoi fun\u00e8bre<\/em>&nbsp;umgestaltete, nahm er als Grundlage f\u00fcr seine dramatische Chor-Symphonie. Nur das Ende \u00e4nderte er einschneidend. Nicht Tod und Verzweiflung warten dort, sondern Verkl\u00e4rung, Vers\u00f6hnung und eintr\u00e4chtige Harmonie \u2013 eine utopische Variante, die ihr Vorbild im&nbsp;<em>lieto fine<\/em>&nbsp;des barocken Theaters fand.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein siebens\u00e4tziges Werk mit kr\u00e4ftigen Ranken und in sich verschn\u00f6rkelten Girlanden<\/h3>\n\n\n\n<p>Formal handelt es sich bei&nbsp;<em>Rom\u00e9o et Juliette<\/em>&nbsp;um ein siebens\u00e4tziges Werk, das allerdings innerhalb dieser Gliederung einige kr\u00e4ftige Ranken und in sich verschn\u00f6rkelte Girlanden aufweist. Das gleichsam janusk\u00f6pfige Entree bildet eine instrumentale Ouvert\u00fcre (<em>Introduction<\/em>) in tr\u00fcb-verschattetem h-Moll, in der wesentliche Handlungsstr\u00e4nge mit rein musikalischen Mitteln h\u00f6chst anschaulich dargestellt sind: Der Kampf zwischen den verfeindeten Parteien, zu Beginn ein vitales Fugato, w\u00e4chst sich zu einem wahren&nbsp;<em>Grand G<\/em><em>uig<\/em><em>nol&nbsp;<\/em>\u2013 einem grotesken Horrorst\u00fcck \u2013 aus; die Intervention des Prinzen kommt als massiver Blechbl\u00e4serchoral in der markig leuchtenden Tonart H-Dur daher. Es folgt ein ausgedehntes, zart besetztes Chorrezitativ (<em>Prologue<\/em>), das nicht nur die Hauptthemen der nachfolgenden Instrumentalteile antizipiert, sondern \u00fcberdies eine wichtige dramaturgische Funktion innerhalb der Gesamtkonzeption \u00fcbernimmt. Im Kern wird hier das gesamte Geschehen wie in einem musikdramatischen Expos\u00e9 skizziert, inklusive der gesellschaftlichen Gemengelage \u2013 dem Hass zwischen den Familien Montague und Capulet \u2013, der aufflammenden Liebe des blutjungen Romeo zur nicht weniger jugendlichen Julia und der Aussichtslosigkeit ihres naiv-sentimentalen Unterfangens. Im zweiten Satz breitet sich der symphonische Geist des Werks aus: anfangs in Form jenes chromatisch gef\u00e4rbten symphonischen Gedichts mit dem Titel&nbsp;<em>Rom\u00e9<\/em><em>o seul<\/em>&nbsp;(Andante), das im weiteren Verlauf in eine flott-furiose, stark akzentuierte und mit fl\u00fcchtigen Scherzen angereicherte \u00bb<em>Grand<\/em><em>e<\/em><em>&nbsp;F\u00eate chez Capulet<\/em>\u00ab m\u00fcndet (Allegro). Zu Beginn des dritten Satzes verlieren sich die Stimmen der ausgelassen Capulets auf den Stra\u00dfen Veronas (Doppelchor hinter der B\u00fchne), bevor die gro\u00dfe, dreiteilige&nbsp;<em>Sc\u00e9ne<\/em><em>&nbsp;d\u2019amour<\/em>&nbsp;erklingt: ein Streicher-Adagio von nachgerade mahlerscher Pr\u00e4gung mit einem auff\u00e4llig verhaltenen, nur sehr selten aufgehellten Grundton, der auf die Innigkeit und Verletzlichkeit der Bindung zwischen den beiden Liebenden hindeutet. Gleichsam als Sahneh\u00e4ubchen der Fantastik aus dem Geiste E. T. A. Hoffmanns, kommt der vierte Satz als ein wildw\u00fcchsiges Orchesterscherzo daher (<em>La Reine Mab<\/em>), das nicht nur thematisch, sondern auch habituell und semantisch deutlich an Carl Maria von Webers&nbsp;<em>Oberon<\/em>und Mendelssohns&nbsp;<em>Sommernachtstraum<\/em>&nbsp;erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p>Von hier aus macht das Geschehen einen gewaltigen Sprung, direkt in die Gruft der Capulets. In den folgenden drei S\u00e4tzen werden wir zun\u00e4chst Zeugen jenes bereits erw\u00e4hnten feierlichen&nbsp;<em>Convoi fun\u00e8bre<\/em>, den Berlioz aus Garricks Version \u00fcbernahm und vertonte. Imaginiert man sich diesen Augenblick als nicht nur musikalische, sondern zudem szenische Realit\u00e4t, mutet dieses St\u00fcck als eine \u00fcberaus k\u00fchne Wendung an, da die vermeintlich tote Julia zu diesem Zeitpunkt ja noch lebt. Die Klangsprache des vokal-instrumentalen Intermezzos n\u00e4hert sich deutlich dem Charakter des&nbsp;<em>Prologues<\/em>&nbsp;an; es dominieren psalmodierende T\u00f6ne, es herrscht edles Pathos, wenn der Chor sich gleichsam \u00fcber die (Schein-)Tote beugt und sein Mitleid in die Waagschale wirft: \u00bbStreut Blumen f\u00fcr die tote Jungfrau! Folgt unserer geliebten Schwester bis ans Grab!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Dortselbst, im Grab, ist dann der von seinem Sch\u00f6pfer als \u00bbsc\u00e8ne instrumentale\u00ab charakterisierte sechste Satz der Chorsymphonie angesiedelt:&nbsp;<em>Rom\u00e9o au tombeau des Capulets<\/em>. Auf eine leidenschaftliche entflammte Einleitung folgt eine&nbsp;<em>Invocation<\/em>&nbsp;in cis-Moll, die mit rein musikalischen Mitteln \u00e4u\u00dferst plastisch die Best\u00fcrzung Romeos beim Anblick der vermeintlich Verblichenen schildert, dann das Erwachen Julias evoziert (der Gesang der Klarinette erinnert an die erste Begegnung der beiden Liebenden in der&nbsp;<em>Sc\u00e8ne d\u2019amour<\/em>) sowie die daraus resultierende, nachgerade wahnsinnige Ekstase (<em>Joie d\u00e9lirante<\/em>&nbsp;hei\u00dft es im Original), die sich kurz darauf in \u00fcberw\u00e4ltigende Verzweiflung verwandelt. Mit gro\u00dfer Geste malt Berlioz dann die gr\u00e4ssliche Todesangst der beiden Liebenden aus bis das Geschehen unweigerlich zum ersch\u00fctternden Liebestod f\u00fchrt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Schnitt- und vorgeblichem Endpunkt beginnt mit dem siebten Satz gewisserma\u00dfen das Oratorium in der Symphonie. Wie schon in der&nbsp;<em>Introduction<\/em>&nbsp;nimmt der geteilte Chor (auf der einen Seite die Montagues, auf der anderen die Capulets) das Zepter in die Hand und f\u00fchrt einen ausladenden Dialog mit Pater Lorenzo, um schlie\u00dflich vereint das gro\u00dfe Loblied auf die Kraft der Vers\u00f6hnung anzustimmen. Berlioz entfesselt hier alle m\u00f6glichen Kr\u00e4fte,&nbsp;<em>Rom\u00e9o et Juliette<\/em>&nbsp;gleicht in dieser verkl\u00e4renden Apotheose durch und durch einem Oratorium, erinnert in seiner Faktur aber auch deutlich an das Finale aus Beethovens Neunter Symphonie. Da wie dort regiert der humanistische Idealismus, und w\u00fcsste man nicht, dass der Sch\u00f6pfer dieses weihevollen Schwurs \u2013 mit h\u00f6flicher Erlaubnis von William Shakespeare \u2013 Hector Berlioz ist, k\u00f6nnte man durchaus zur Annahme gelangen, die Verse seien aus der Feder Friedrich Schillers aufs Papier getropft. Wie auch immer, das Band \u00bbliebender F\u00fcrsorge und br\u00fcderlicher Freundschaft \u00ab ist gekn\u00fcpft. Doch bedarf es, um den feierlichen Schwur f\u00fcr immer in die Seelen der einst Verfeindeten einzubrennen, anscheinend himmlischer Hilfe, das bekundet der vorletzte Satz der dramatischen Symphonie: \u00bbUnd Gott, in dessen Hand das k\u00fcnftige Gericht liegt, wird diesen Schwur in das Buch der Vergebung eintragen!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Utopie der Liebe<\/h3>\n\n\n\n<p>Damit wiederum bekundet Berlioz\u2019 dramatische Symphonie ihre Seelenverwandtschaft mit Gounods knapp 30 Jahre sp\u00e4ter vollendeter Op\u00e9ra. Denn in beiden Werken, so unterschiedlich sie in Anlage, Haltung und Klangsprache sein m\u00f6gen, ist es am Ende Gott, vor dem der Mensch niederkniet. Die Utopie der Liebe, sie liegt in seinen H\u00e4nden. Dementsprechend ist auch die Liebe zwischen Romeo und Julia kaum mehr mit normalen Ma\u00dfst\u00e4ben zu messen. Sie f\u00fchrt in ein anderes Land, in eine andere Sph\u00e4re, sie bricht die normative Kraft des Faktischen auf und best\u00e4tigt auf poetologische, ja fast philosophische Art und Weise die letzten Worte Rainer Maria Rilkes aus dessen Gedicht&nbsp;<em>Archa\u00efscher Torso Apollos<\/em>: \u00bbDu musst dein Leben \u00e4ndern!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><em>J\u00fcrgen Otten<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniel Harding dirigiert Berlioz\u2019 \u00bbRom\u00e9o et Juliette\u00ab Obwohl die Liebe das alles \u00fcberstrahlende Thema in Romeo und Julia ist, gibt es hier noch viele weitere emotionale Zust\u00e4nde zu erleben: sch\u00f6nste Feststimmung, der Hass einer Familienfehde und nat\u00fcrlich Trauer und Entsetzen angesichts eines tragischen Doppelselbstmords. All das hat Hector Berlioz in seiner zwischen Symphonie und Kantate angesiedelte Version eingefangen: dramatisch, opulent, einfallsreich. Dirigent dieser Auff\u00fchrung ist Daniel Harding, der sich seit Jahren f\u00fcr das Werk engagiert. Berliner Philharmoniker Daniel Harding Dirigent Kate Lindsey Mezzosopran Andrew Staples Tenor Shenyang Bassbariton Rundfunkchor Berlin Gijs Leenaars Chor-Einstudierung Hector Berlioz Rom\u00e9o et Juliette, Dramatische Symphonie op. 17 William Shakespeare, \u00c9mile Deschamps \u00bbBeethoven konnte nur in Berlioz wieder aufleben; und ich, der ich Ihre g\u00f6ttlichen Kompositionen genossen habe [\u2026] halte es f\u00fcr meine Pflicht, Sie zu bitten, als Zeichen meiner Ehrerbietung 20.000 Francs annehmen zu wollen.\u00ab Kein Geringerer als der von Zeitgenossen oft als knauserig beschriebene Violinvirtuose Niccol\u00f2 Paganini richtete 1838 diese Zeilen an Hector Berlioz. Der f\u00fchlte sich geehrt, freute sich als jemand, der seinerzeit notorisch pleite war, vor allem aber \u00fcber die erkleckliche finanzielle Zuwendung. \u00bbNach Bezahlung meiner Schulden war ich noch im Besitz einer sehr sch\u00f6nen Summe, und ich dachte nur daran, sie f\u00fcr musikalische Zwecke zu verwenden\u00ab, berichtete der Komponist in sp\u00e4teren Jahren. \u00bbNach ziemlich langem Z\u00f6gern entschied ich mich f\u00fcr eine Symphonie mit Chor [und] Gesangssoli.\u00ab Damit war die Idee zu&nbsp;Rom\u00e9o et Juliette&nbsp;geboren. Sieben Monate arbeitete Berlioz nach eigener Aussage an dem von Shakespeares Trag\u00f6die inspirierten Werk, das er nach Abschluss der Partitur als \u00bbSymphonie dramatique\u00ab bezeichnete. 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