Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle Dirigent
Leonidas Kavakos Violine
Jean Sibelius

Symphonie Nr. 3 C-Dur op. 52
Jean Sibelius

Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 47

Leonidas Kavakos Violine
Jean Sibelius

Symphonie Nr. 4 a-Moll op. 63

»Strenge, Stil und Logik«
Die Symphonien und das Violinkonzert von Jean Sibelius
Positionsbestimmungen

»Die moderne Symphonie ist ein Tonwerk für volles Orchester, nach den Formumrissen und der inneren Gliederung eine Gattung der Sonate, sie besteht gewöhnlich aus vier Sätzen: Allegro, Andante oder Adagio oder Largo, Menuett oder Scherzo und Allegro oder Final.« So einfach, kurz und bündig diese Definition einer »modernen Symphonie« in Oscar Pauls Handlexikon der Tonkunst (Leipzig 1873) auch scheint, so wenig konnte sie einem »modernen« Komponisten des späten 19. Jahrhunderts als Wegweiser dienen: Wer damals einem »Tonwerk für volles Orchester« den Gattungstitel »Symphonie« gab, musst eine zentnerschwere Last schultern.

Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich die Form der Sinfonia– der italienischen Opern-Ouvertüre – als eigenständiges, dreisätziges Orchesterwerk herausgebildet und war schnell in ganz Europa angenommen worden. Komponisten wie Giovanni Battista Sammartini, Luigi Boccherini und François-Joseph Gossec, die Bach-Söhne und die Köpfe der »Mannheimer Schule« bereiteten ihr den Weg zur überreichen Blütezeit der Wiener Klassik – zu den Symphonien Joseph Haydns und Wolfgang Amadeus Mozarts. Doch bereits 1824 erreichte die Gattung mit Ludwig van Beethovens Neunter einen Punkt, nach dem das Schreiben von Symphonien obsolet, wenn nicht unmöglich geworden zu sein schien. »Die Symphoniker seit Beethoven haben die Form nicht mehr weiter zu entwickeln vermocht«, stellt 1894 Hugo Riemanns Musik-Lexikon in seiner 4. Auflage fest; »nichtsdestoweniger würde es ein arger Fehlschuß [sic!] sein, wollte man sie als ausgelebt ansehen; die Symphonien von Schumann, Brahms, Raff, Anton Rubinstein beweisen, daß sie noch zur Füllung mit immer neuem Inhalt tauglich ist.« Weniger optimistisch äußert sich 1889 Sir George Grove in seinem Dictionary of Music and Musicians: »[…] when there is room for individual expression there is still good work to be done, though we can hardly hope that even the greatest composers of the future will surpass the symphonic triumphs of the past, whatever they may do in other fields of composition.« (» […] wo es Raum für individuellen Ausdruck gibt, da gibt es noch eine ganze Menge zu tun, obgleich wir kaum hoffen dürfen, dass selbst die größten Komponisten der Zukunft die symphonischen Triumphe der Vergangenheit überbieten werden, was auch immer sie in anderen Musikgattungen leisten mögen.«)

Manche – zum Beispiel Franz Liszt oder Richard Strauss – suchten ihr Heil in der Flucht in freiere, oft programmatische Formen, für die Hector Berlioz 1830 mit seiner (eigentlich nur dem Namen nach der Gattung zugehörigen) Symphonie fantastique den ersten Impuls gegeben hatte. Höchstens im Umfeld einiger nationaler Schulen des 19. Jahrhunderts genoss die Symphonie noch ein gewisses Ansehen, wie die entsprechenden Werke von Niels Wilhelm Gade, Antonín Dvořák, Alexander Borodin, Nikolai Rimsky-Korsakow oder Peter Tschaikowsky zeigen. Spätestens im symphonischen Kosmos Gustav Mahlers jedoch schien sich das klassisch-romantische Modell endgültig überlebt zu haben. Wer danach noch an der viersätzigen Ordnung von Sonatenhauptsatzform, dreiteiliger Liedform, Scherzo und Finale festhielt, positionierte sich damit entweder als Eklektiker oder als Neoklassizist.

So jedenfalls stellt sich das Bild der Gattung dar, wenn man es aus mitteleuropäischer, gewissermaßen »austro-germano-zentrischer« Perspektive betrachtet. Nimmt man freilich einen anderen, gesamteuropäischen Blickwinkel ein, so zeigt sich, dass die Symphonie gerade in den jeweils zehn, zwölf Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg durchaus nicht so aus der Mode gekommen war, wie es ihre relative Vernachlässigung in Deutschland und Österreich vermuten lassen könnte. Selbst wenn man sich auf jene Komponisten beschränkt, deren Namen auch heute noch einen gewissen Klang im Konzertleben haben, ist die Liste an Symphonikern erstaunlich lang: In Frankreich wären Vincent d’Indy, Albéric Magnard, Henri Rabaud, Joseph Guy Ropartz, Albert Roussel und Charles Tournemire zu nennen, in Russland Alexander Glasunow, Reinhold Glière, Wassili Kalinnikow, Nikolai Miaskowsky, Sergej Prokofjew, Sergej Rachmaninow, Alexander Skrjabin und Maximilian Steinberg, in England Edward Elgar und Ralph Vaughan-Williams, in Tschechien Josef Bohuslav Foerster und Josef Suk, in Polen Karol Szymanowski, in Dänemark Carl Nielsen – und in Finnland Jean Sibelius, dessen sieben Symphonien im Zeitraum eben jenes Vierteljahrhunderts vor und nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, zwischen 1898/1999 und 1924.