Kritikenrundschau

Von einer „meisterlichen Herangehensweise an die hochreflektierte Erzählstrategie“ von Stefan Zweig spricht Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (26.12.2015). Der hochdekorierte britische Schauspieler, Regisseur und Mitbegründer des koproduzierenden Tourneetheaters Complicité Simon McBurney inszeniere den einzig vollendeten Roman Zweigs „als eine Art epische Installation“, als „formbewusstes, präzises Sprechtheater mit sehr intensiven Klang- und Bildeffekten“.

„Ein paar Sätze nur und große Wirkung. Volle Entfaltung der literarischen Qualität des Buchs, seiner Musikalität. Wie viele Romanadaptionen hat man in den letzten Jahren auf den Bühnen gesehen, an der Schaubühne, überall! Wie viele flache Abende waren das, Etikettenschwindel!“ So staunt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (24.12.2015) über den Abend. Und weiter: „Dieses Theater hat Augen im Herz. Ihm geht vielleicht die große Sinnlichkeit ab, aber es besticht durch Intelligenz. Emotionale Intelligenz.“

Eine „geisterstundenhafte, konzentrierte, nur minimal kitschige Kunstübung“ hat Wolfgang Höbel erlebt, wie er auf Spiegel Online (23.12.2015) schreibt. Manchmal scheine es so, als sei das Theater des Regisseurs McBurney von der Kinobegeisterung des Erfolgsdarstellers McBurney infiziert, als wolle er austesten, ob der Zauber der Stefan-Zweig-Séance nachts im Museum durch solche plakativen Effekte womöglich in tausend Stücke birst. „Aber seine eindringliche, fast immer auf die Erzählkunst der Darsteller vertrauende ‚Ungeduld des Herzens‘-Beschwörung hält das locker aus.“

Wirkliche Bilder entstünden dabei nicht, kritisiert hingegen Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (23.12.2015): „Was im Roman inneres Erleben ist, wird hier zum Bühnengetue.“ Erst im zweiten Teil der Aufführung bekomme McBurney mitunter den Kern des Romans in den Griff. Dennoch: Den Romanbogen „vermag die Inszenierung sowenig zu spannen, wie den gleichwohl vom Regisseur angestrebten Bezug zur Gegenwart“.

„So schlicht, ja karg die Anlage dieser Produktion daherkommt, so überladen wirkt sie doch von Anfang an“, findet André Mumot im Deutschlandradio Kultur (22.12.2015). Alles müsse ausillustriert und aufs Naivste bebildert werden. „Alles nämlich nimmt Simon McBurney ehrfürchtig beim Wort, alles wird eins zu eins in Bühnenaktionen und großes Pathos umgesetzt, nichts unterspielt, aufgebrochen oder hinterfragt, stattdessen mit Ausrufezeichnen und überagierter Emotionsnatürlichkeit ausstaffiert. Was sich im Roman als langsamer, quälender und tatsächlich ergreifender Prozess der heillosen Gefühlsverstrickung entfaltet, ist hier nur exaltierte Operette, die ihre biedere Abstandslosigkeit nie verbergen kann.“