Mit der monumentalen Märchenoper kommt unser Richard-Strauss-Zyklus, in dem Tobias Kratzer die verschiedenen Stadien einer Paarbeziehung unter die Lupe nimmt, zu seinem Ende. Erhalten Sie im Teaser erste Einblicke in unsere Neuinszenierung und erleben Sie am 26. Januar die Premiere von DIE FRAU OHNE SCHATTEN unter musikalischer Leitung von Sir Donald Runnicles und mit David Butt Philip, Jane Archibald, Marina Prudenskaya, Jordan Shanahan und Catherine Foster u. a.
DIE FRAU OHNE SCHATTEN erinnert vieles an Mozarts ZAUBERFLÖTE: Die Begegnung verschiedener sozialer Klassen. Die märchenhafte, mit hohem Symbolwert aufgeladene Handlung. Das Bewusstsein einer elementaren Zeitenwende, die die bisherige Ordnung in Frage stellt und die Besinnung auf die Grundwerte menschlichen Miteinanders zu einer akuten, dringlichen Frage macht. Hier wie dort wird Erkenntnis nur durch schwere Prüfungen erlangt.
Erster Aufzug
Die kaiserlichen Gärten
Kaiserin und Kaiser sind verheiratet. Aber Leichtigkeit und Leidenschaft ihrer Beziehung sind verschwunden: „Die Frau wirft keinen Schatten“ – die Ehe ist kinderlos. Die Erwartungshaltung und ein Ultimatum ihres Vaters Keikobad setzen die Kaiserin zusätzlich unter Druck.
Die Amme der Kaiserin, die diese nach dem Tod ihrer Mutter erzogen hat, eröffnet einen Ausweg aus dem Dilemma: die Kaiserin müsse „dies Haus getürmt den Sternen entgegen“ verlassen und Hilfe bei einfachen Menschen suchen.
Verwandlung
Kaiserin und Amme machen sich auf den Weg.
Im Hause des Färbers
Der Färber Barak lebt mit seiner Frau am Rande des Existenzminimums. Dass drei Brüder Baraks mit im Haus des Ehepaars wohnen, belastet die Beziehung der beiden emotional wie finanziell. Der größte Konfliktpunkt der Ehe ist aber ein anderer: Barak wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind. Die Färberin verweigert sich diesem Wunsch.
Während Barak außer Haus ist, erhält die Färberin Besuch von Kaiserin und Amme. Die Amme umschmeichelt die Färberin und stellt ihr Geld und andere Wohltaten in Aussicht – als Gegenleistung dafür, dass sie der Kaiserin zu einem Kind verhilft.
Aber weder die Dienerinnen noch der schöne Jüngling, den die Amme der Färberin vorführt, können diese überzeugen. Noch kann sich die Färberin nicht dazu entschließen, ihren Körper zu verkaufen. Doch als Barak zurückkommt, verweigert sie ihm, im gemeinsamen Bett zu schlafen. Er solle sein Lager diese Nacht anderswo aufschlagen.
Zweiter Aufzug
Wechselnde Schauplätze
Weiterhin versucht die Amme, die Färberin davon zu überzeugen, den Handel mit ihr und der Kaiserin einzugehen. Erneut lässt sie den schönen Jüngling kommen. Aber wiederum verzögert die Rückkehr Baraks eine Entscheidung.
Barak lädt die Kinder der Nachbarschaft ein, um sich gegenüber seiner Frau als guter Familienvater zu empfehlen, erregt damit aber nur umso mehr ihren Zorn.
Währenddessen irrt der Kaiser durch die Nacht. Er hadert mit seiner Ehe, der Kaiserin und sich selbst. Der Versuch einer Annäherung an seine Frau gerät zum Desaster. Der „rote Falke“ ihrer gemeinsamen Leidenschaft ist nicht wiederzufinden.
Die Amme flößt Barak ein Schlafmittel ein und arrangiert ein weiteres Treffen zwischen der Färberin und dem Jüngling. Als Barak erwacht, eskaliert die Situation: Seine Sehnsüchte nach einer gemeinsamen Familie stoßen die Färberin mehr und mehr ab. Sie lässt ihren Mann spüren, wie wenig ihre Vorstellungen vom Leben mit seinen Wünschen vereinbar sind.
Die Kaiserin begegnet dem verzweifelten Barak. Sie begreift, in welche Situation sie auch ihn gebracht hat.
Aber Mitleid und Selbstvorwürfe kommen zu spät. Die Färberin hat sich entschieden, dem Angebot der Amme nachzugeben: „Zum Lebenswasser! Zur Schwelle des Todes!“
Während es dunkelt, sehen sich alle Beteiligten mit den Folgen ihres Handelns konfrontiert. Barak stellt seine Frau gewaltsam zur Rede. Die Kaiserin verzweifelt. Die Amme hält an der Richtigkeit ihres Vorgehens fest. Aber auch sie kann nicht alles kontrollieren. Ein großes Unglück unterbricht den Disput: „Übermächte sind im Spiel!“
Dritter Aufzug
Unterirdische Gewölbe
Färber und Färberin versuchen einander wiederzufinden, reden aber aneinander vorbei.
Felsterrasse
Die Amme greift zu letzten Mitteln, um der Kaiserin zu einem Kind zu verhelfen: „Ich weiß den Weg! Ich schaff dir den Schatten!“. Aber die Kaiserin beginnt die Ratschläge und Strategien der Amme zu hinterfragen. Sie emanzipiert sich von ihrer Ratgeberin und lässt die Amme alleine zurück.
Tempelartiger Raum
Nach ihrem Bruch mit der Amme fordert die Kaiserin nun auch die Autorität ihres Vaters Keikobad heraus. Sie verweigert sich den Ansprüchen anderer und trifft eine selbstbestimmte Entscheidung: „Ich will nicht!“
Durch ihre Selbstbefreiung gelingt es der Kaiserin, auch ihren Mann aus dessen innerer Versteinerung zu lösen. Das Paar findet wieder zueinander.
Goldene Brücke
Färberin und Färber treffen eine gemeinsame Entscheidung über ihre Zukunft.
Epilog
„Vater, dir drohet nichts, / Siehe, es schwindet schon, / Mutter, das Ängstliche / Das dich beirrte!
ie Oper sollte ihr Opus summum werden, ein Meisterwerk mit Ansage. Aber wie das so ist, Meisterwerke lassen sich nicht planen. Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss hatten alles gegeben: Freudianische Konstellationen, archaische Figuren, ein großes Kunstmärchen wollten sie schaffen. Tatsächlich schrieben sie mit DIE FRAU OHNE SCHATTEN eine Oper, die so übervoll ist mit Material, Ideen, Ambition, dass die Musikwelt bis heute streitet, worum es eigentlich geht – und Strauss schon zu Lebzeiten den Ball eher flach hielt, wenn es um die Vermarktung ging. Will man das inszenieren, sollte man, im Sinne von Strauss, mit Understatement an die Sache gehen.
DIE FRAU OHNE SCHATTEN ist der Abschluss des Strauss-Zyklus. Sie ist die früheste Oper der Reihe und die komplexeste, daher macht sie Sinn am Ende, wenn Themen und Erzählformen der anderen offenliegen. Alle drei betrachten Stadien des Beziehungslebens, alle drei überprüfen vor allem die Anschlussfähigkeit Richard Strauss’ für heutige Themen.
ARABELLA zeigt die Emanzipation der Titelfigur, ließ sich auch als Transgender-Zeitreise der Nebenfigur Zdenka/Zdenko erzählen. INTERMEZZO beschreibt das Hin und Her der Ehe eines Komponisten, spielerisch, mit Emphase, in diesem Strauss’schen Orchesterfluss, als Vorstufe heutiger Autofiktionen.

ARABELLA erzählt von der Emanzipation einer Frau. Kratzers Inszenierung erweitert die Befreiung auf Zdenka (Elena Tsallagova), die sich als Mann begreift – und ebenso Glück und Liebe findet © Thomas Aurin
DIE FRAU OHNE SCHATTEN ist nun die Synthese der Themen, die zuvor ausgelegt wurden: Mann, Frau, Gesellschaft, Familie, Klassen, Rollen und Konflikte. Im Kern ist es ein Märchen, das vom schweren Weg zum Kinderglück erzählt. Ein Ehepaar, Kaiser und Kaiserin, leidet darunter, dass die Frau keinen Schatten wirft, eine Metapher für ihre Kinderlosigkeit. Sie wenden sich an ein anderes Paar, einen Färber und eine Färberin, um ihr Defizit auszugleichen. Die Geschichte klingt simpel, ist aber in ihrer Komplexität moralisch gar nicht aufzulösen. Warum sind manche Paare nur glücklich, wenn sie Kinder bekommen? Wie viel Klassismus steckt in Leihmutterschaft? Wie weit hängt weibliches Selbstbewusstsein heute noch an Mutterschaft? Lauter Fragen, die ins Herz einer gegenwärtigen Debatte zielen – und auf die es keine einfachen Antworten gibt.
Wenn dann in diesem Stück, das Kindersegen als einzig selig machendes Paarglück ausweist, der euphorische Schlußjubel für alle Beteiligten kommt, hat man eine ziemliche Strecke hinter sich: Selbstzweifel, Paarzweifel, einen Chor der Ungeborenen, dann noch Keikobad, den abwesenden, nie singenden, stets präsenten Geistervater. Man hat so viele patriarchale Vorstellungen, eheliche Verzweiflung und Misogynie erlebt, dass man die Schlussszene aus heutiger Sicht weder annehmen noch feiern kann.
Diese Themen muss man nicht überhöhen, um sie zu sehen. Statt die Oper mit symbolistischem Besteck aufzublähen, spielen wir sie eher im Geiste von INTERMEZZO als eine Geschichte aus dem Leben zweier Ehen. DIE FRAU OHNE SCHATTEN ist voller märchenhafter Schauplätze und Szenenwechsel. Die Bühne wird diese vielen Wechsel mitgehen, in variablen Umbauten, fast andeutungsweise springen wir von einer Welt in die andere, eine brechtsche, entspannte Theatralik, in der wir hoffentlich die Wahrheit des Stücks entdecken und die Tragik der Figuren.

Der Regisseur Tobias Kratzer in seiner Heimat München © Julian Baumann
Mit DIE FRAU OHNE SCHATTEN geht eine beglückende Zusammenarbeit mit Donald Runnicles zu Ende. Es begann mit der Arbeit an DER ZWERG, die Idee zum Zyklus beruht auf unseren Gesprächen damals. Die Werke passen extrem gut zur DNA des Hauses und zur dirigentischen DNA von Runnicles, der alle Ressourcen dieses großartigen Ensembles bestens einzusetzen versteht. Ich habe mich am Haus und mit ihm sehr wohl gefühlt, in diesem kultivierten Spannungsverhältnis, in dem es darum geht, die große Form, das Pathos, die musikalische Emphase und die Emotionalität nicht nur repräsentativ auszustellen, sondern nach einer tieferen Wahrheit zu suchen – und dabei eine Form zu finden, die einer intellektuellen Reflexion standhält. Das war unser Ziel für den Zyklus. Wenn wir die Spannung auch nur halbwegs erreichen, mit einer Oper, bei der die meisten Regisseure ja eher am Grad ihres Scheiterns gemessen werden, dann kann ich beruhigt meine Intendanz bei der Staatsoper Hamburg antreten. Okay, ein Scherz. Im Ernst: Dies ist meine letzte Inszenierung als freier Regisseur. Sie liegt mir schon daher am Herzen.
