Kiel. Ein bisschen habe sie sich gefühlt wie ein Bildhauer, erzählt Nora Bussenius. „Ich hatte diesen großen Klotz vor mir – und dann sammelt man, was es an Dialogen gibt, was wichtig ist und was verzichtbar. Überlegt, wie man den Text auf die Figuren verteilt. Und wird mit jedem Schritt immer feiner und feiner.“

Die Rede ist von der Bühnenfassung des Romans „Extrem laut und unglaublich nah“ (2005) von Jonathan Safran Foer. Nora Bussenius hat die Geschichte des neunjährigen Oskar, der mit dem Verlust seines Vaters im Terroranschlag von 9/11 und seiner Trauer leben lernen muss, eigens für das Kieler Schauspiel bearbeitet. Und sie hat aus 480 Seiten und einer wildwüchsig durch Zeiten, Orte, Themen mäandernden Erzählung ein Theaterstück destilliert.

In „Extrem laut und unglaublich nah“ geht es um Verlust und Trauer

Dabei ist der Stoff in verschiedenen Fassungen schon länger auf den Bühnen präsent. „Da geht es meist um die Kriminalgeschichte – um den Schlüssel, den Oskar in den Sachen des Vaters findet“, sagt die Regisseurin, die von Köln bis Chemnitz und am Landestheater SH gefragt ist und nun erstmals in Kiel arbeitet. Nur ein Aspekt von vielen, wie sie ergänzt.

„Eigentlich geht es gar nicht um 9/11“, sagt Nora Bussenius. Das US-amerikanische Trauma ist für sie eher Metapher für eine „Art von Verlust oder Schicksal, die sich jederzeit in unser Leben bohren kann – und für die Angst davor“. Wichtig ist der 43-Jährigen auch, dass der tote Vater auf der Bühne erscheint, ebenso wie die Jugendliebe des Großvaters, die im Dresdner Bombenangriff starb. „Die Toten leben ja mit uns – sie sind da“, sagt Bussenius, „und um Oskars Verlust nachzuvollziehen, brauchte es erstmal eine Beziehung.“

Wie ein Bestseller in Kiel auf die Bühne kommt

So kam die Regisseurin schnell auf eine Art Familienaufstellung als Basis für ihre Inszenierung. „Das Spannende ist, wie die Vergangenheit in die Gegenwart wirkt“, sagt sie. „Und wie viele Familien über Generationen Dinge verschweigen. Es geht im Stück eben auch um Kommunikation.“

Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler und zwölf Statisten sind im Einsatz, wenn Oskar seine Odyssee durch New York antritt, alle möglichen Menschen mit dem Namen „Black“ aufsucht, um dem Geheimnis des Schlüssels auf die Spur zu kommen. Oskar, dessen Rolle Tristan Taubert übernimmt, ist für Nora Bussenius der rote Faden im Stück: „Es ist seine Geschichte, die wir erleben. Er pendelt zwischen der Haltung des Conférenciers und der Figur, die in die Szenen driftet und dann wieder ausgespuckt wird.“

Der Regisseurin geht es darum, auf der Bühne einen Kosmos zu erschaffen. „Ein Kaleidoskop von Gedanken über das Leben und die Menschen, in das man eintauchen kann.“ Die größte Schwierigkeit dabei? „Das Schwere und das Leichte auszutarieren.“

Jugendlicher Held mit dem anderen Blick

Wichtig ist für Nora Bussenius in der Inszenierung die Drehbühne im Schauspielhaus – und der Turm, den Bühnenbildner Sebastian Ellrich als zentrales Raumelement erdacht hat. „Die Idee hatten wir schon früh“, so die Regisseurin, „irgendwo zwischen Wolkenkratzer und Fahrstuhl.“

Dazu gehört außerdem das Sounddesign von Daniel Dorsch. „Erst mal war das Buch für mich die Innenansicht eines Jungen, der seinen Vater verloren hat – Musik im herkömmlichen Sinn erschien mir da wenig sinnvoll“, erzählt der Klangtüftler und Bühnenmusiker. „Also habe ich den Stücktitel wörtlich genommen und versucht, so eine Art Drone zu erzeugen, der eben immer präsent ist. Einen Laut, der nervt und drückt, der aber auch leise sein kann.“ Ein Störton im Alltag.