Staatskapelle Berlin

Eröffnungskonzert

Arnold Schönberg [1874–1951]
Verklärte Nacht für Streichorchester op. 4 [1899/1917]

Arnold Schönberg
Fünf Orchesterstücke op. 16 [1909]

Arnold Schönberg
Variationen für Orchester op. 31 [1926–1928]

Eine Veranstaltung der Berliner Festspiele / Musikfest Berlin
in Kooperation mit der Staatsoper Unter den Linden

Staatskapelle Berlin
Daniel Barenboim Leitung

„Es gelang ihm, all das, was vor ihm geschrieben wurde, zusammenzufassen – und doch zeigt er uns im gleichen Moment den Weg in die Zukunft.“ Mit diesen pointierten Worten benannte Daniel Barenboim die epochale Leistung des Komponisten Arnold Schönberg. Der leidenschaftliche wie charismatische Schönberg-Interpret deutete damit zugleich an, welcher Herausforderung sich jeder Musiker, der sich mit dem Komponisten beschäftigt, bis heute zu stellen hat: Nämlich der Herausforderung, in jedem Moment der Aufführung die Gegenpole in der musikalischen Persönlichkeit dieses janusköpfigen Künstlers auf gedanklich klare und zugleich sinnliche Weise in Verbindung zu bringen. Dass Schönberg zugleich Denker und Geschichtenerzähler, Bilderstürmer und Klangfarbenmaler, Nostalgiker und Visionär sein konnte, das ist in drei Schlüsselwerken aus seinen zentralen Schaffensphasen zu hören. In ihnen lässt sich unter anderem erleben, wie Schönberg das nächtliche Geständnis einer verschwiegenen Vaterschaft auf provozierende Weise romantisch schildert, die Farben eines Sommermorgens am See expressionistisch deutet und seinen endgültigen Aufbruch in die Moderne mit den Tönen B-A-C-H signiert.

Das Musikfest Berlin 2015 eröffnet damit sein diesjähriges Programm. In den darauffolgenden Konzerten tritt das Schaffen Arnold Schönbergs zusammen mit der Musik seines Zeitgenossen, dem Dänen Carl Nielsen, in einen Dialog mit den Werken Gustav Mahlers.

TAGESPIEGEL

Eröffnung Musikfest Berlin
Ewige Avantgarde
04.09.2015 Von Frederik Hanssen

Prekäre Liebesszenen: Daniel Barenboim und die Staatskapelle eröffnen das Musikfest Berlin mit Werken von Arnold Schönberg und erweisen sich als erhellende Erzähler mit bewundernswerter Konzentrationsfähigkeit.

„Ich weiß gar nicht, was immer für ein Gewese um diesen Schönberg gemacht wird“, wendet sich die elegant gekleidete Dame auf dem Weg zum Pausensekt an ihren Gatten, „diese Musik klingt doch großartig.“ Sicher, zu diesem Zeitpunkt hat die zufällig belauschte Besucherin nur den ersten Teil des Programms gehört, die spätromantisch „Verklärte Nacht“ nämlich, aus der Frühphase des Komponisten. Doch Daniel Barenboim und seine Staatskapelle werden sich auch bei den atonalen „Fünf Orchesterstücken“ sowie den zwölftönigen Variationen Opus 31 als eloquente Fürsprecher des Komponisten erweisen, der Maestro durchweg auswendig dirigierend, die Musiker mit bewundernswerter Konzentrationsfähigkeit. Langen, dankbaren Applaus erhalten sie dafür am Ende dieses Eröffnungsabends des Musikfests.
Drei Meister der Moderne stellt Winrich Hopp, der künstlerische Leiter, diesmal in den Mittelpunkt, drei Männer, auf für die Schönbergs Diktum zutrifft: „Kunst ist der Notschrei jener, die an sich das Schicksal der Menschheit erleben.“ Gustav Mahler war derjenige unter den Wiener Komponisten, der an der Wende zum 20. Jahrhundert am stärksten unter den Auflösungserscheinungen der alten Ordnung litt – und am sensibelsten die kommenden Katastrophen vorausahnte. Im fernen Dänemark horchte währenddessen Carl Nielsen sehr genau auf die neuen Töne, die das aus Zentraleuropa herüberklangen und verarbeitete sie in seinen Sinfonien, die sangliche Melodik und befreite Rhythmen auf faszinierende Weise zusammen bringen. Arnold Schönberg schließlich, der jüngste des Trios, durchbrach – getrieben von einem manischen Ausdrucksfuror – die Grenzen der bis dahin als naturgegeben angesehenen Harmonik. Was ihm viele Klassikliebhaber bis heute verübeln. „Es war mir nicht bestimmt, in der Art der ,Verklärten Nacht’ weiterzumachen“, sagte er rückblickend. „Der Oberkommandierende hat mir eine härtere Strafe anbefohlen.“
Süßliche Harmonien und silbriges Pianissimo

In seinem Porträtkonzert macht Daniel Barenboim deutlich, welche enorme Strecke der Komponist auf diesem Kreuzweg zurückgelegt hat. Mit der ersten, von ihm selber als vollgültig erachteten Partitur, legt der Autodidakt gleich ein Meisterwerk vor: Ein Gedicht Richard Dehmels, in dem eine Frau ihrem Geliebten bei einem nächtlichen Spaziergang eröffnet, dass sie von einem anderen schwanger ist, und der Mann verspricht, das im Mutterbauch wachsende Menschenwesen als sein eigenes anzusehen, inspiriert Schönberg zu einem Streicherstück, das Wagners hypnotische „Tristan“-Klänge mit der Dichte von Brahms’ Kammermusik sowie Richard Strauss’ Konzept der sinfonischen Dichtung verbindet.
Erhellend vermag Barenboim die prekäre Liebesszene in der Philharmonie nachzuerzählen. In fahlen Klangfarben evoziert die Staatskapelle den „kahlen, kalten Hain“ der Verse und das Licht des bleichen Mondes. Erst nach den erlösenden Worten des Mannes erlaubt der Dirigent seinen Musikern, Wärme in ihr Spiel einfließen zu lassen. Üppig blühen die Kantilenen auf, bis hin zu den süßlichen Harmonien, die später zum Hollywood-Standard für jede love scene werden sollten. Berückend schön verklingt das Werk im silbrigen Pianissimo.
Daniel Barenboim und die Staatskapelle in der Philharmonie.Bild vergrößern
Daniel Barenboim und die Staatskapelle in der Philharmonie. – Foto: Holger Kettner

Ungemein frisch lässt Barenboim dann die Fünf Orchesterstücke wirken: Nach dem Bruch mit dem Dur-Moll-System erzählt hier jeder Takt vom Glück der neuen Freiheit. Die Nichts-Muss-Alles- Kann-Regel gilt bis heute – doch wenig, was zur Uraufführung kommt, klingt wirklich avancierter als diese 106 Jahre alte Suite. Als Sackgasse erwies sich dagegen Schönbergs Idee, die 12 Töne der Oktave in ein neues Korsett zu zwingen. So transparent die Staatskapelle das komplexe kontrapunktische Gewebe der Orchestervariationen auch ausführt, ein Restunbehagen bleibt, ein Gefühl von Sterilität und mathematischer Ausgezähltheit.